Das Böse kommt auf leisen Sohlen

Bei seiner Turandot-Inszenierung setzt Regisseur Calixto Bieito auf Bilder von Masse, Kontrolle und Gewalt, die an "Metropolis" von Fritz Lang oder an die Demonstrationen im Mai 1989 erinnern, als der Platz des Himmlischen Friedens zur Hölle wurde. Bild: Ludwig Olah
Kultur BY
Bayern
08.10.2014
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Es kommt vor, dass nach seinen Premieren Kamerateams im Foyer stehen und die Zuschauer nach ihren Gefühlen fragen. So, als wäre gerade ein Zugunglück passiert. Calixto Bieito gilt derzeit als der "radikalste Opernregisseur der Welt".

Ob Oralsex, Kindermord oder Leichenschändung - der 50-jährige Regisseur provoziert mit Leidenschaft. Intendanten mögen das gerne, auch wegen der Publicity. In dieser Hinsicht darf jedoch Entwarnung gegeben werden. Bieitos Nürnberg-Debüt, die Inszenierung von Giacomo Puccinis "Turandot" bleibt skandalfrei, lehrt aber nicht minder das Gruseln, allerdings auf subtile Weise: Das Böse kommt auf leisen Sohlen.

Der katalanische Regisseur ist ein Phänomen. Je mehr er inszeniert, desto mehr rätseln die Experten, woher er nur seine kruden Ideen hat. Kein Wunder, dass er bis 2016 ausgebucht ist. Auch für seine "Turandot"-Lesart findet er starke Bilder. Blutrot leuchtende Lampions schweben über der Bühne. Eine Video-Einblendung präsentiert ein Gesicht mit chinesischen Schriftzeichen, das von Künstlerhand weiter bemalt wird, bis es jede Kontur verliert.

Der Chor setzt ein Volk in Szene, das unter Folter gezwungen wird, den Namen des Freiers zu verraten, der die drei Rätsel der Prinzessin löste. Bieito spielt mit den Themen "Masse", "Kontrolle" und "Gewalt" so, dass man sich an geschichtliche Ereignisse wie die Demonstrationen von 1949 am Platz des Himmlischen Friedens erinnert. Die Enthauptung in der Anfangsszene lässt sofort an aktuelle Bedrohungen durch IS-Dschihadisten denken. Und wenn Turandot in der Schlussszene Baby-Puppen die Glieder entreißt, hin- und hergerissen zwischen Sehnsucht nach Liebe und Menschenhass, finden sich Anklänge an den römischen Mythos von Saturn, der seine Kinder fraß - aus Angst, die Macht und Kontrolle zu verlieren.

In einem nüchternen Raum (Bühne: Rebecca Ringst) mit instabilen Kartonwänden entfaltet sich das stille Schaudern. Die Staatsphilharmonie unter Leitung von Peter Tilling schwelgt dagegen meist im Fortissimo-Rausch, so dass es die Sänger nicht leicht haben, sich durchzusetzen. Rachael Tovey stattet ihre Turandot jedoch mit genügend stimmlicher Power aus. Und auch Vincent Wolfsteiner als Calaf, der seine virilen Töne wie Klangsäulen im Raum platziert sowie Hrachuhí Bassénz als Sklavin Liù mit ihrem warmen und mühelos weich strömenden Sopran, wissen deutliche Akzente zu setzen.

Die durchgehend spannend inszenierte Oper endet, wie es sich für Bieito gehört. Buh- und Bravo-Rufe halten sich die Waage. Doch auch das beweist, dass diese Oper Wirkung zeigt - nachhaltig und tiefgehend. Nicht verpassen!
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