Der Alltag beidseits der Mauer

Das Neue Museum Nürnberg widmet sich mit einer Ausstellung dem Design diesseits und jenseits der Mauer. Wie unterschieden sich Alltagsgegenstände, technische Geräte und Möbel im Osten und Westen? Bild: hfz
Kultur BY
Bayern
04.05.2015
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Wie unterscheiden sich die Alltagsgegenstände aus der DDR und Westdeutschland? Das Neue Museum Nürnberg geht dieser Frage mit einer Ausstellung auf den Grund. Die Designschau gewährt überraschende Einblicke in das Leben diesseits und jenseits der Mauer.

Wer den Raum betritt, ist schon mitten drin: in der Geschichte Deutschlands, dem Leben in Ost und West - und in einer kleinen, feinen Ausstellung über die Gestaltung ("Design") des Alltags. Doch der lateinische Begriff bezeichnet noch mehr: den Entwurf, die Formgebung, aber auch die Interaktion von Objekt und Benutzer. Der Berliner Künstler Tilo Schulz (geboren 1972 in Leipzig) hat dafür gesorgt, dass diese Begegnung funktioniert. In der Mitte des Raums befindet sich eine Art Mauer aus hölzernen Wänden, Symbol der deutschen Teilung seit dem 13. August 1961.

Ein Wechsel pro Quartal

Bei der Reihe "East and West" handelt es sich um eine Kooperation zwischen der Neuen Sammlung in München und dem Neuen Museum Nürnberg. Pro Quartal soll ein Thema aus dem Bereich Design in wechselnden Räumen präsentiert werden. Für das Jahr 2015 sind drei Räume vorgesehen, in denen Objekte unter dem Titel "Ost und West" gezeigt werden. Den Auftakt bildet der Raum DDR/BRD mit Alltagsgegenständen, technischen Geräten und Möbeln aus Ost- und Westdeutschland. Textilien sowie Stücke aus Glas oder Porzellan ermöglichen spannende Einblicke in zwei parallele Welten. Ab Juli 2015 wird ein Augenmerk auf tschechisches Design gelegt.

Von 1949 bis 1990 bestand die Teilung Deutschlands als Resultat des Kalten Kriegs. Gestalter des neuen deutschen Designs haben diese Trennung immer wieder thematisiert. Bedingt durch unterschiedliche Lebensumstände entstanden neben Ähnlichkeiten auch deutliche Gegensätze. Experimentierte man im Westen eher mit vielfältigen Materialien, so sind Produkte des Ostens vor allem durch die chemische Industrie und den Werkstoff Plastik geprägt. In beiden Teilen Deutschlands existierte jedoch das Ideal einer sachlich-minimalistischen Formensprache.

Auf der einen Seite stehen also die eleganten Gießkannen aus Kunststoff von Klaus Kunis, die heute beliebte Sammelobjekte sind. Der Industrieformgestalter hat auch die berühmte Waschmaschine WM 66 designt, die mit fünf bis sechs Minuten Waschzeit sehr stromsparend war und einst 640 DDR-Mark kostete. Auf der anderen Seite stehen Möbel von Egon Eiermann aus Stahlrohr, Holz oder Korb und Elektrogeräte von Dieter Rams und Claus Dietel.

Klassiker des Designs

Der Industriedesigner Rams, geboren 1932 in Wiesbaden, reduzierte Formen und Strukturen radikal. Seine Radio-Plattenspieler-Kombination SK 4 mit weiß lackiertem Blechkorpus wurde zum Klassiker und Vorbild. Dieser sogenannte "Schneewittchensarg" ist zwar nicht zu sehen, dafür eine Kombination aus 1957/61 mit Lautsprecherbox. Bei vielen Objekten entfährt dem Besucher ein "Ach, das kenne ich" oder "Das hatten wir zu Hause auch". Was vielen nicht bekannt sein dürfte: dass etliche Entwürfe aus dem Westen im Osten produziert wurden wie das "Senftenberger Ei". Und Firmen wie Quelle und Porst haben im Osten gegen Devisen für den Westmarkt produzieren lassen. In finanziellen Dingen gab es eben schon immer Wege und vor allem kreative Ideen, um Mauern zu überwinden. Man könnte auch sagen: Beim Geld fängt die Freundschaft an.
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