Der Auferstandene ruft zum Aufstand für das Leben auf
Ostern ist zum Verrückt-Werden

Kultur BY
Bayern
26.03.2016
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Von Günter Kusch, Pfarrer und Redakteur in Nürnberg

Es ist schon verrückt: Da stehen am Ostermorgen in Polen an allen Ecken junge Leute mit Wasserpistolen oder Eimern, um Passanten nass zu spritzen. Der Brauch stammt aus dem Jahr 966. Damals, am Ostermorgen, wurde der polnische Herrscher Mieszko I. getauft und Polen damit zum Christentum bekehrt. In Irland lädt man mancherorts am Ostersonntag zum Heringsbegräbnis ein. Da die Bevölkerung in der Fastenzeit kein Fleisch gegessen hat, freut man sich, dass das Darben ein Ende hat. Engländer rollen bunte Eier an abschüssigen Straßen herunter, bis die Schale bricht. Und in Finnland werden Freunde und Bekannte mit einer Birkenrute geschlagen, um an die Palmwedel zu erinnern, mit denen Jesus bei seinem Einzug nach Jerusalem von der Menge begrüßt wurde.


___ Starker Tobak
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Ostern ist ein verrücktes Fest. Oder eine "intellektuelle Zumutung", wie das Magazin Cicero titelte. Unstreitbar belegt ist Jesu Geburt. Auch seine Kreuzigung gilt als historisch gesichert. Dass er aber am "dritten Tage" auferstanden sein soll von den Toten, das ist starker Tobak und löst selbst bei engagierten Kirchenmitgliedern leichte Beklemmungen aus. Nur noch 22 bis 47 Prozent der Deutschen, so eine Emnid-Umfrage, wissen überhaupt noch, weshalb wir Ostern feiern. Viele verbinden dieses Fest nur noch mit Schokohasen von Lindt oder mit dessen grinsendem Kumpel von Milka, mit gefärbten Eiern oder dem fetten Braten für die Verwandtschaft.

Auch die Osterberichte in der Bibel wirken auf den ersten Blick wie ein Sammelsurium von Verrücktheiten. Da geht Maria von Magdala am frühen Morgen, als es noch dunkel war, zum Grab. Ist das vernünftig? Der Stein vor dem Grab ist bereits ver-rückt. Ein Jünger schaut hinein, sieht die Leinentücher, betritt die Höhle aber nicht. Wenn das nicht verrückt ist. Das Schweißtuch Jesu liegt, ver-rückt, an einer anderen Stelle. Ein weiterer Jünger geht ins Grab, blickt überhaupt nichts und findet zum Glauben. Die Botschaft von Ostern ist eine Geschichte von Ver-Rückt-Heiten, weil altes Denken ins Wanken gerät, bisher Gewohntes auf den Kopf gestellt wird, Vorurteile weggeschoben und damit Wege frei geschaufelt werden für ungewöhnliche Ideen - nichts ist mehr wie zuvor.

Verrückt ist auch unsere Welt heute. Menschen müssen aus ihrer Heimat fliehen, weil ihr Leben dort bedroht ist. Überforderte Politiker ziehen Zäune hoch, um dem Elend eine Grenze zu setzen. Auf der anderen Seite engagieren sich unzählige Ehrenamtliche, um Asylsuchenden einen Pfad durch den bürokratischen Dschungel zu bahnen. Ein Bekannter verliert seinen Job, weil die Firma schlecht gewirtschaftet hat.


___ Weinen um Jesus
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Eine Andere findet nach Jahren der Arbeitslosigkeit eine Stelle, in der sie ganz aufgeht. Mit 46 Jahren stirbt ein Kollege an Krebs. Er hinterlässt eine Frau und zwei Kinder. Freunde stehen ihr zur Seite, damit sie nicht in ihrer Trauer den Kopf verliert. Tränen und neue Hoffnung, beides zieht sich durchs Leben und fällt auch im Osterevangelium nicht unter den Tisch. Maria, so erzählt es die Bibel, weint um Jesus. Und um das, wofür er stand. Sie folgte ihm nach und blieb ihm treu bis ans Ende. Sie gehörte zu den Frauen, die unter dem Kreuz standen und es dort aushielten. Mit seinem Tod waren ihre Hoffnungen gestorben, auf eine veränderte Welt, auf ein neues Miteinander von Männern und Frauen in seiner Gemeinschaft. Tränen gehören zur Ostergeschichte - und auch zu unserem Dasein. Tränen um Familien, die zerbrechen. Tränen um Lebensentwürfe, die zerplatzen. Tränen am Krankenbett. Tränen am Grab. Tränen enttäuschter Hoffnungen über manches, was in unserer Gesellschaft oder in der Kirche nicht gelingt. Wo uns ein Stoßseufzer entkommt: "Das ist doch zum Verrücktwerden!"

Maria wendet sich irgendwann ab vom Grab. Auch das gehört zur Trauer. Man kann ja nicht an den Gräbern stehen bleiben. Der Alltag will gemeistert werden. Tränen versiegen irgendwann, hoffentlich. "Warum weinst du", fragt Jesus sie, die weinend zurückkehrt in ihre Welt. Er nimmt die Trauer ernst, lässt sie zu. Und weitet den Horizont, verrückt ihre Sichtweise: Der Tod hat nicht das letzte Wort. Das Leben siegt. Verlier nicht Deine Hoffnung. Verrückt, so etwas zu sagen, in dieser Situation.


___ Bunte Symbole
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Wie verrückt darf man eigentlich sein? Ein Osterlachen gegen den Tod. Ein Gemeindeglied, das Asylsuchende in ein Café der Begegnung einlädt. Teilnehmer eines Männertreffs, die in einer Werkstatt Fahrräder für Flüchtlinge zum Laufen bringen. Eine Frau, die der trauernden Nachbarin selbst gebackenen Kuchen und etwas Zeit zum Reden vorbeibringt. Verrückte Ideen gibt es genug.

Womit wir nochmals auf die Osterbräuche am Anfang zurückkommen. Wir werden dieses Jahr wieder Eier mit bunten Symbolen verzieren. Das Ei ist Sinnbild für das Leben und wurde schon von den frühen Christen als Hinweis auf die Auferstehung verstanden. "Wie der Vogel aus dem Ei gekrochen, hat Jesus das Grab zerbrochen", so rezitierten sie über Jahrhunderte hinweg, was Ostern bedeutet: Verkrustete Schalen aufbrechen und gemeinsam mit dem Auferstandenen einen Aufstand für das Leben wagen. Dass Hoffnungen, Ziele und Träume oft in einer zerbrechlichen Hülle stecken, aber trotzdem die Welt verändern können, ist tatsächlich eine österliche, eben total verrückte Botschaft.

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