Der milde Wilde

Sie entstanden als der Winter München noch fest im Griff hatte. Doch die 15 Lieder auf der neuen CD von Konstantin Wecker wärmen wie der schönste Sommer. Sie machen Mut und weckern ganz tief in die Seele - dorthin, wo es mitunter ganz schön brennt. Bild: Thomas Karsten
Kultur BY
Bayern
19.06.2015
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Was wurde nicht alles gesagt und geschrieben über Konstantin Wecker in den letzten 40 Jahren. "Bayerischer Berserker" hat man ihn genannt, "lyrischer Revoluzzer", "potenzieller Einmischer", "lebender Anachronismus" und vieles mehr, immer auf dem schmalen Grat zwischen Ablehnung und Bewunderung.

Dem so Gescholtenen wie Verehrten war das alles wurscht, wie der Bayer zu sagen pflegt - wusste Wecker doch stets, was er an sich, seiner Kunst, seinem puren Dasein hatte und hat. Das am 1. Juni 1947 in München geborene Original ist ein lebendes Gesamtkunstwerk, Privates und Öffentliches waren selten Koordinaten, die er trennte und an denen es sich für ihn zu orientieren galt.

Konstantin Wecker ist Konstantin Wecker - ein im Herzen so ehrlicher wie radikaler personifizierter Lebensentwurf, der ihn so angreifbar wie unverwundbar macht. Wieder einmal sehr deutlich demonstriert wird dieser Anspruch ans Dasein mit dem aktuellen Album "Ohne Warum" (Klang & Welt), das heute erscheint, Die Kulturredaktion führte mit ihm dieses Interview.

Auf "Ohne Warum" wirkt Ihre gewagte Melange aus "scharfer Sozial-Kritik" einerseits und "mystischer Romantik" andererseits diskrepanter denn je. Wie kommt's?

Konstantin Wecker: Ich werde zwangsweise immer wütender in den letzten Jahren, die verheerenden Zustände unserer Politik lassen mir gar keine andere Wahl. Für mich heißt es, Stellung zu beziehen, sich nicht unterkriegen zu lassen, weiterzumachen und sich niemals zu verbiegen. Wer dieses menschenfeindliche System nicht attackiert, kann nicht bei Trost sein. Die Ungerechtigkeit gerade zwischen Arm und Reich schreit zum Himmel. Doch kaum jemand wehrt sich dagegen. Ich auf der anderen Seite frage mich, wie man ein System verteidigen kann, dass solche Zustände hervorbringt.

Auf der anderen Seite gibt es auch den "milden Wilden" Konstantin Wecker...

Wecker: Ja, denn die Lyrik etwa eines Rainer Maria Rilke berührt mich im tiefsten Inneren. Ich verstehe auch dessen Religiosität, die ich passender mit "Spiritualität" umschreibe, zunehmend besser. Kunst muss etwas mit Zauber und Wahrheit zu tun haben. Und je älter ich werde, das bringt die menschliche Natur so mit sich, desto mehr beschäftigt mich der Zugang zum Ewigen.

Wie sind die Lieder von "Ohne Warum" entstanden?

Wecker: Das lief wie immer in den letzten 40 Jahren bei mir ab: Ich hatte einen "Flow", wie das in der Psychologie definiert ist. Das heißt, ich tauche restlos und absolut in die Gedanken ein, die mich "erwischt" haben und fortan nicht mehr loslassen. Das ist ein magischer Vorgang!

Dieses Mal haben mich die Musen letztes Jahr an vier oder fünf Tagen in der Toskana geküsst,wo ich mich mit Freunden aufhielt. In jener Phase war ich so gut wie nicht ansprechbar, alles drehte sich um die neuen Lieder. Das ist ein sehr ekstatisches Gefühl und gar nicht immer leicht zu ertragen.

Woher kam die Hauptinspiration für die politisch motivierten Stücke?

Wecker: Ich hatte in den letzten beiden Jahren viele spannende Begegnungen. Beispielsweise mit dem Schweizer Autor und Psychoanalytiker Arno Gruen, dessen Werk sich intensiv mit menschlicher Autonomie und der Destruktivität des Gehorsams beschäftigt. Ich habe mich eindringlich mit Aktivisten von der kapitalismuskritischen "Blockupy"-Bewegung unterhalten. Und auch die Treffen mit meinem Freund Hans-Peter Dürr, ein begnadeter Erkenntnisteheoretiker und Physiker, der leider im vergangenen Jahr verstorben ist, hinterließen tiefen Eindruck bei mir. Hans-Peter habe ich übrigens ein Lied auf "Ohne Warum" gewidmet. Er war einer meiner wichtigsten Lebensbegleiter, obwohl wir uns aus Zeitgründen gar nicht so oft treffen konnten. Doch wenn wir zusammen kamen, war das stets extrem intensiv.

Sie bezeichnen sich als Pazifisten. Wie schwierig ist es in kriegerisch aufgeheizten Zeiten, diesem Ideal treu zu bleiben?

Wecker: Ziemlich schwierig! Weil mich etliche Umstände wütend machen und ich gelegentlich zweifle, ob man diesen mit Gewaltfreiheit energisch genug entgegen tritt. Doch ich bin der festen Überzeugung, dass man Gewalt nicht mit Gewalt bezwingen kann. Selbst wenn ich immer Martin Luther Kings Satz im Ohr habe: "Wenn Pazifisten glauben, ihr Credo würde sie über das eines Kriegers stellen, dann täuschen sie sich."

Wie wichtig ist es, bei allem Ernst der Welt-Lage, seinen Humor nicht zu verlieren?

Wecker: Humor ist für mich überlebensnotwendig, um nicht endgültig an den Umständen zu verzweifeln. Und je älter ich werde, desto weniger ernst nehme ich mich selbst - ohne darüber meine Ideale zu verraten. Was für ein großes Glück!

Konstantin Wecker spielt am 27. Juli auf der Luisenburg in Wunsiedel (bereits ausverkauft) und am 30. November im Amberger ACC.

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Karten beim NT/AZ/SRZ-Ticketservice unterTelefon: 0961/85-550, 09621/306-230 oder 09661/87290.
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