"Der nackte Wahnsinn"
Hilflos in die Lachkurve schlittern

Kultur BY
Bayern
27.12.2015
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Das Stück-im-Stück-Stück "Der nackte Wahnsinn" von Michael Frayn in Nürnberg ist ein brillantes Gag-Feuerwerk. Und eine Liebeserklärung an das Theater, die das Publikum begeistert.

Nürnberg. Einmal hinter die Kulissen schauen. Mitverfolgen, was Schauspieler so tun, wenn sie gerade nicht schauspielern. Wer sich das schon immer gewünscht hat, wird im Stück-im-Stück-Stück "Der nackte Wahnsinn" von Michael Frayn wahnsinnig gut bedient. Drei Mal präsentiert darin ein durchgedrehtes Tournee-Ensemble einen Teil der fiktiven Aufführung "Nackte Tatsachen". Der Clou dabei: Während der erste und dritte Akt auf der Bühne spielen, blickt das Publikum beim zweiten von hinten auf das Geschehen.

In Nürnberg gelingt dieses chaotische Wechselspiel so gut, dass es bei der Premiere mit begeistertem Applaus gefeiert wurde. "Die Mutter aller Komödien", "die lustigste Komödie der Welt" - mit allen möglichen Superlativen hat man Frayns Dauerbrenner aus dem Jahr 1982 bereits bedacht. Und es stimmt ja auch: Es gibt nur wenige Komödien, bei denen man so oft in Deckung geht, weil alle paar Sekunden ein Gag-Feuerwerk gezündet wird.

Massenhaft Action


Auch über zu wenig Action wird sich hier niemand beklagen: Zehn Türen im Auf-und-zu-Dauerbetrieb, mindestens vier Teller mit Sardinen, die mitunter auf dem Boden landen, ein genervter Regisseur, der "gott-gleich" seine Leute zusammenstaucht und, natürlich, viele überraschende Liebesaffären. Im zweiten Akt könnte man noch den Rotstift zücken, um so manche Länge zu entfernen. Ansonsten herrscht zweieinhalb Stunden lang der nackte Wahnsinn. Dass der Irrwitz klappt wie am Schnürchen, liegt natürlich an den brillanten Schauspielern: Pius Maria Cüppers lehrt mit seiner resoluten Frau Spuckspecht selbst Waltraud und Mariechen das Fürchten.

Während Marco Steeger eines Stuntsmans würdig Treppen herunterpurzelt, Josephine Köhler nervös an ihren BH-Trägern fummelt und Frank Damerius als trinkfreudiger Einbrecher Sebastian durch Fenster steigt, versucht Stefan Lorch als restlos überforderter Regisseur, einen roten Faden in die abstrusen Abläufe zu bekommen.

Im dritten Akt, der letzten Aufführung von "Nackte Tatsachen" nach einer endlos langen Vorführungsserie, ist dann von der ursprünglichen Regie-Idee kaum mehr etwas übrig geblieben - und auch den Zuschauern bleibt nach etlichen Lachattacken die Luft weg. Regisseurin Petra Luisa Meyer und ihr Team legen mit ihrer "Wahnsinns"-Version einen rasanten Slapstick-Spaß vor, der noch lange nachwirkt.

Präzision und Timing


Allen Protagonisten wird hier ein hohes Maß an Präzision und Timing abverlangt. Neben all den Witzen über das Metier ist das Stück letztlich eine große Liebeserklärung an das Theater: Schließlich geht es hier genauso menschlich zu wie im echten Leben.

Und es ist eine Liebeserklärung an den Wahnsinn als Lebensform - besser bekannt als Theater. Eine Aufführung, die man nicht verpassen sollte: Große Emotionen, Körperkomik und Pointenfertigkeit lassen einen hilflos in die Lachkurve schlittern.
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