Der Rebell mit der Ziehharmonika

Kultur BY
Bayern
16.04.2015
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"Klingt des geil", denkt sich Hubert von Goisern überrascht, als er nach anfänglichem Widerwillen den Reiz einer Ziehharmonika entdeckt. Der Rest ist Musikgeschichte, wie der Film "Brenna tuat's schon lang" erzählt.

Nüchtern betrachtet war ein jugendlicher Rausch schuld. Denn erst als Hubert von Goisern eine halbe Flasche Schnaps intus hat, rührt er ein bis dahin verachtetes Geschenk seines Großvaters an: eine Ziehharmonika. Und zwar ursprünglich, um sie zu zerstören. "Ich wollt' sie auseinanderreißen, hab' daran gezogen und auf den Tasten rumgehauen", erinnert sich Goisern in der Filmdokumentation "Hubert von Goisern - Brenna tuat's schon lang".

Bekanntester "Alpenrocker"

Aus der Zerstörungswut wurde eine große Liebe. Denn während er das bis dahin unbenutzte Instrument malträtiert und ihm dabei Töne entlockt, merkt Goisern plötzlich überrascht: "Klingt des geil." Goisern zieht mit der Ziehharmonika aus, um damit berühmt zu werden, um dem traditionellen Volksmusikinstrument virtuos und teils ekstatisch neue Töne und Melodien zu entlocken, um diese mit beißenden, romantischen und nachdenklichen Texten zu mischen. Er wird Österreichs bekanntester "Alpenrocker".

Es wäre freilich viel zu kurz erzählt, die Karriere von Goisern nur auf den Rauschmoment zu reduzieren. Musikalische Begabung, Kreativität, Unbeirrbarkeit, Mut und nicht zuletzt Durchhaltevermögen gehörten ebenso dazu wie treue Wegbegleiter, die das Potenzial des Musikers aus der oberösterreichischen Provinz erkannten und ihn über Jahre begleitet haben. All das zeigt der Film, der am 23. April in den deutschen Kinos anläuft, in Rückblicken und Interviews.

Dass der Film trotz der oft krachenden Musik Goiserns ein ruhiges und unaufgeregtes Porträt geworden ist, liegt auch an Regisseur Marcus H. Rosenmüller. Der gebürtige Tegernseer ist seit Jahren mit modernen bayerischen Heimatfilmen erfolgreich und versteht es, dem mittlerweile 62-jährigen Musiker nette Anekdoten zu entlocken und ihn als weltoffenen, stets neugierigen, aber auch nachdenklichen und höchst kreativen Menschen zu porträtieren.

Im Bott auf Alpensee

Rosenmüller setzt Goisern gleich in der ersten Einstellung in ein kleines Boot auf einem Alpensee, lässt ihn erzählen und kommt immer wieder in diese Szenerie zurück. Beim Angeln erinnert sich Goisern an seine Kindheit in dem 6000-Seelen-Dorf Bad Goisern. Einem Kurort, in dem die Kinder stets zum Leisesein ermahnt wurden, um die Gäste nicht beim Regenerieren zu stören.

Bis heute hadert der Musiker mit seinem konservativen Geburtsort, in dem es sieben Blaskapellen gab, wovon ihn eine hochkant raus warf, als er auf lange Haare und weibliche Musiker bestand. Dass er seinen Nachnamen Achleitner in "von Goisern" änderte, sei ein "Racheakt" an den örtlichen Kritikern seiner neuen Art der Volksmusik gewesen.

Gespickt mit Konzertmitschnitten und aktuellen Zusammentreffen mit früheren Mentoren und Wegbegleitern entfaltet der Film die Karriere und das Leben des Musikers. Zeigt ihn auf Konzertreisen in Ländern wie den USA, Ägypten und dem Senegal sowie auf einer Schiffstour durch Europa. Der Streifen thematisiert aber auch seine schwierigen Anfänge sowie Flops und beschreibt auch längere Karrierepausen: "Ich wollte wieder Zufällen mehr Raum geben". Aktuell pausiert Goisern nicht, in wenigen Tagen kommt ein neues Album auf den Markt. Trotz Höhen und Tiefen wirkt der Österreicher tief zufrieden mit sich und seiner Karriere. Getreu seinem Motto: "Wer über den Ist-Zustand hadert, der ist schlecht aufgestellt - weil es ist, wie es ist".
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