Deutsch-ukrainisches Schriftstellertreffen in der ehemaligen galizischen Hauptstadt ...
Eine Brücke aus Papier

Verena Nolte, Geschäftsführerin von Kulturallmende und Kuratorin des deutsch-ukrainischen Schriftstellertreffens (27. bis 29. August in Lemberg), glaubt nicht nur an die verbindende Kraft der Literatur, sondern auch daran, dass sich die Oberpfalz durch den Wegfall des Eisernen Vorhangs verändert hat. Bild: Barbara Niggl Radloff
Kultur BY
Bayern
20.08.2015
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Verena Nolte ist eine Brückenbauerin - und als solche auch in der Oberpfalz keine Unbekannte: Vor zwei Jahren präsentierte sie im Literaturhaus Oberpfalz bei ihrem Projekts "Na brodu - An Bord" Literatur aus Kroatien, aus einem Land also, das in den 90er Jahren einen schrecklichen Bürgerkrieg erlebte. Jetzt wendet die Geschäftsführerin von Kulturallmende ihren Blick weiter östlich, in die Ukraine, in jenes Land, in dem seit März 2014, seit der Annexion der Krim durch Russland, wiederum ein Krieg tobt.

Bei dem Schriftstellertreffen "Eine Brücke aus Papier" in Lemberg von Donnerstag, 27., bis Samstag, 29. August, werden Größen der ukrainischen Literatur wie Juri Andruchowytsch und Serhij Zhadan ebenso teilnehmen wie auf deutscher Seite Vertreter aus der Region. Unsere Kulturredaktion hat mit Verena Nolte gesprochen.

Das ist ein sehr schöner Titel, den Sie mit "Eine Brücke aus Papier" für das deutsch-ukrainische Schriftstellertreffen gefunden haben. Aber können sich Brücken aus so nachgiebigem Material in so ernsten Zeiten tatsächlich als tragfähig erweisen?

Verena Nolte: Der Titel "Eine Brücke aus Papier" verdankt sich der Anregung des ukrainischen Schriftstellers Jurko Prochasko, der dieses Zitat von Manès Sperber für einen seiner jüngsten Texte - "Der Angriff auf Mitteleuropa" - entlehnt hat. Sperber, 1905 im westukrainischen Zablotow geboren, erzählt in seinen Erinnerungen "Die Wasserträger Gottes" von der "Brücke aus Papier" als einer Legende der Chassidim seines Heimatortes.

Wenn man mit Literatur zu tun hat und auf ihre Kraft der Vermittlung von Erinnerung, Beobachtung und Erfahrung vertraut, dann weiß man, dass Schriftsteller mit ihren Büchern und Texten "Brücken aus Papier" bauen, die sich als haltbarer und belastbarer als jede Eisen- Stein- oder Betonkonstruktion erweisen, weil sie sich ins menschliche und damit kulturelle Gedächtnis einprägen.

Die Demonstrationen am Kiewer Maidan im Februar 2014 waren Ausdruck der Sehnsucht vieler Ukrainer nach parlamentarischer Demokratie, aber auch nach Zugehörigkeit zu Europa. Welche Position nehmen die Schriftsteller ein?

Nolte: Alle Schriftsteller, die an unserem Projekt teilnehmen, haben am Maidan teilgenommen, haben ihn propagiert und verteidigt, wo immer man sie aufs Podium bat. Ihnen ging es immer um die Emanzipation ihres Landes, die für sie ohne die parlamentarische Demokratie nicht denkbar ist. Sie fühlen sich als Europäer, als Mitteleuropäer, die wir ja auch sind. Der Begriff Mitteleuropa hat in den Ländern östlich von uns die Bedeutung von Freiheit - auch geistige Freiheit - und Unabhängigkeit. Prochasko schreibt in besagtem Text, dass Mitteleuropa "kategorial unverträglich" sei mit "Großmachtideen, Diktatur und Vereinheitlichung" und geht so weit zu behaupten, dass es aufhört zu bestehen, sobald es Teil einer übergeordneten Großmacht wird (siehe Anhang).

Sie haben schon in den frühen 90er Jahren Kontakt zu Ländern des vormaligen Ostblocks aufgenommen. Ist mit der Annexion der Krim nicht so etwas wie eine neuerliche Zeitenwende eingetreten?

Nolte: Das hoffe ich nicht. Die Annexion der Krim ist ein alarmierender Vorgang, der den Ländern Mitteleuropas sicher Furcht einjagt und die junge Nation Ukraine zwar bedroht, aber nicht zum Scheitern bringt. Meine Erfahrung ist, dass das Verschwinden des Eisernen Vorhangs zwar zu einer Öffnung und Weitung unseres Horizonts geführt hat, dass aber mit ihm nicht die jüngere Geschichte verschwunden ist.

Sie macht sich in den Krisenherden schmerzhaft bemerkbar. Denken Sie nur an die Länder des ehemaligen Jugoslawiens oder eben an die Ukraine: Jeder Europäer hat hier eine Verantwortung. Wir sollten uns viel mehr austauschen, diese Länder, die wir nicht kannten und noch immer wenig kennen, endlich bereisen, mit den Menschen reden, die Bücher ihrer Autoren lesen, ihre künstlerischen Äußerungen ansehen, um über die Kenntnis der Kultur und der Sprache unser inneres Mitteleuropa zu erweitern und zu begründen. Das versteht Jurko Prochasko unter der "Brücke aus Papier". Mit unserem Projekt schlagen wir diesen Weg ein.

Ostbayern wird bei dem Schriftstellertreffen mit zwei gewichtigen Stimmen vertreten sein - mit dem Dramatiker Werner Fritsch und der Lyrikerin Anja Utler. Was kann unsere Region, die ja jahrzehntelang vom Eisernen Vorhang gezeichnet war, an Erfahrung beitragen?

Nolte: Das Interessante für mich ganz persönlich ist, dass sich mein Blick seit dem Ende des Eisernen Vorhangs auf die Regionen, die unmittelbar an ihn angrenzten, auch verändert hat, so als ob ein neues Licht auf sie fiele, weil der Schatten weg ist. Autoren aus diesen Regionen, so meine Erfahrung - und das gilt eben auch für die Oberpfalz - sind gerne Grenzüberschreiter. Ich meine das durchaus physisch, aber auch geistig ästhetisch. Werner Fritsch und Anja Utler sind ausgezeichnete Beispiele dafür. Für die Begegnung mit ukrainischen Autoren sind sie bestens ausgestattet mit einem Werk, das Grenzen aufbricht, auch innerhalb der künstlerischen Sparten, das sich dem Fremden und Anderem offen darbietet.

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In: Gefährdete Nachbarschaften - Ukraine, Russland, Europäische Union, hrsg. von Katharina Raabe, Valerio 17/2015, Wallstein Verlag, Göttingen 2015.

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Weitere Informationen im Internet:

Website Kulturallmende
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