Deutschland trauert um eine "moralische Instanz": Reaktionen auf den Tod von Dieter Hildebrandt
"Er war ein Kämpfer, er war einmalig"

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Bayern
21.11.2013
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Erst am Dienstag wurde die Krebserkrankung von Dieter Hildebrandt bekannt. In der Nacht darauf starb der 86-Jährige, der wie kaum ein anderer die deutsche Kabarett-Szene prägte. Bis zuletzt strotzte er vor Tatendrang. Weggefährten, Kollegen und Politiker würdigten ihn als einen herausragenden Künstler, einen großen Geist, als moralische Instanz und satirisches Gewissen einer ganzen Nation.

Hildebrandt sei im Kreis seiner Familie gestorben, teilten seine Frau Renate und die Münchner Lach- und Schießgesellschaft mit, deren Mitbegründer Hildebrandt war. "Bis zum Schluss hatte er Pläne, hatte gekämpft und wollte sich im Dezember auf der Bühne der Münchner Lach- und Schießgesellschaft von seinem Publikum verabschieden", schrieb die Gesellschaft auf ihrer Internetseite. Dieser Abschied war ihm nicht mehr vergönnt. "Er hätte uns noch so viel zu sagen gehabt. Wir trauern mit seiner Familie um einen wunderbaren Menschen, lieben Freund, Förderer und eine moralische Instanz."
Erst vor 14 Tagen sei er bei ihm zu Hause gewesen, sagte Hildebrandts früherer "Scheibenwischer"-Kollege Bruno Jonas der Nachrichtenagentur dpa: "Da war er noch voller Tatendrang. Er war ein Kämpfer, er war einmalig." Auch Politiker, die Hildebrandt immer wieder aufs Korn genommen hatten, zollten dem Kabarettisten Respekt: "Bayern verneigt sich mit Achtung und Respekt", sagte Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU). "Dieter Hildebrandt hat mit spitzer Feder und spitzer Zunge über Jahrzehnte Politikern in Deutschland den Spiegel vorgehalten."

Meister der Zwischentöne

SPD-Chef Sigmar Gabriel trauerte um den "wohl charmantesten Kritiker" seiner Partei und würdigte Hildebrandt als "großartigen Kabarettisten". Bundespräsident Joachim Gauck schrieb: "Dieter Hildebrandt war mehr als ein Mann des Kabaretts. Sein Lachen, sein fragendes Schweigen; seine Zwischentöne, seine Attacken, seine Urteile, seine absichtsvollen Überzeichnungen - all das war für ihn kein Selbstzweck."
Auch zahlreiche Weggefährten trauerten um ihren Kollegen: "Mit ihm verlieren wir alle nicht nur einen auch im hohen Alter noch geradezu jugendlich frischen Ausnahmekabarettisten und klugen Kommentatoren unserer politischen und gesellschaftlichen Zustände, sondern auch eine echte moralische Instanz, bei der Anspruch und Wirklichkeit nicht auseinandergingen", sagte der Liedermacher Hans Well (ehemals Biermösl Blosn). Noch im April hatte Hildebrandt zusammen mit der neuen Formation von Hans Well, den Wellbappn, auf der Bühne gestanden.

Keiner war integrer

"Dieter Hildebrandt war immer so charmant, dass man seine intellektuelle Überlegenheit nie gemerkt hat", sagte der Komiker Thomas Hermanns. Der Liedermacher Konstantin Wecker konstatierte, er habe keinen Menschen gekannt, der moralisch integrer war als Hildebrandt: "Man weiß jetzt gar nicht mehr, wo man hingehen soll, wenn man eine knifflige moralische Frage hat."

"Es ist ein großer Verlust", sagte Hildebrandts enger Freund Dieter Hanitzsch, mit dem er das Onlineprojekt "Störsender" auf die Beine gestellt hat. "Für uns alle." Am Mittwoch stand auf der Startseite des Projekts: "Danke, lieber Dieter, für alles."
Ulrich Wilhelm, Intendant des Bayerischen Rundfunks, betonte, Hildebrandt habe einen "unschätzbaren Beitrag zur politischen Bildung in Deutschland" geleistet. Der BR veröffentlichte zudem ein Zitat von Hildebrandt zur derzeit laufenden ARD-Themenwoche "Glück": "Glück ist vergänglich. So schnell vergänglich, dass man im Glück schon ein Bedauern spürt - man hat es gehabt, man kann es nicht wiederholen."

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Offizielle Website im Internet:

http://www.dieterhildebrandt.com
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