Dicker Roman in vier Bänden

Pianist Ivo Pogorelich und die Stuttgarter Philharmoniker. Bild: hfz
Kultur BY
Bayern
30.11.2015
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Das Stück "Phantasie für Klavier und Orchester" von Robert Schumann gehört auch heute noch zu den meistaufgeführten Werken und gilt als Inbegriff des romantischen Klavierkonzertes. Pianist Ivo Pogorelich und die Stuttgarter Philharmoniker nehmen sich dieses Stückes an.

"Ich spielte sie aber zwei mal und fand sie herrlich! Fein einstudiert muss sie den schönsten Genuss dem Zuhörer bereiten. Das Clavier ist auf das feinste mit dem Orchester verwebt - man kann sich das Eine nicht denken ohne das Andere." So schwärmte einst Clara Wieck über die "Phantasie für Klavier und Orchester", die ihr Mann Robert Schumann 1841 in Hinblick auf ihre außerordentlichen pianistischen Fähigkeiten komponierte und die schließlich später zum Kopfsatz des wunderschönen Klavierkonzertes a-Moll op. 54 wurde.

Umstrittener Pianist

Bei dem Werk spielen nicht Form und Virtuosität, sondern allein die inneren Werte die Hauptrolle. Davon allerdings ist bei der Interpretation des bekannten, aber nicht unumstrittenen Pianisten Ivo Pogorelich und der Stuttgarter Philharmoniker unter der Leitung von Dan Ettinger in der Bayreuther Stadthalle nur wenig zu spüren. Schon von den ersten Takten an wirkt Pogorelich seltsam unbeteiligt, und so manche herrlichen Motive klingen unter seinem allzu harten Anschlag nüchtern und fast schon metallisch. Das Orchester indes agiert engagiert und dynamisch und wird doch vom Pianisten immer wieder ausgebremst. Wo bleiben da der typisch romantische Geist dieses Werkes, ja die Sehnsucht und das schillernde Glück zweier sich liebender Menschen?

So fällt der Applaus der Zuhörer eher wohlwollend verhalten aus - in der Hoffnung und in der Erwartung auf eine tolle Interpretation der Großen C-Dur-Symphonie von Franz Schubert, die erst 11 Jahre nach seinem Tod von Robert Schumann wiederentdeckt und von Felix Mendelssohn Bartholdy uraufgeführt wurde. Und die Erwartung wird nicht enttäuscht. Frisch, spritzig und mit einem fantastischen Gespür für Dynamik spielen die Stuttgarter Philharmoniker - so, als gäbe es nur noch diese himmlisch romantische Musik. Das Tempo wählt der junge Dirigent Dan Ettinger beschwingt, aber nicht zu schnell, so dass trotz der "himmlischen Länge" von einer knappen Stunde keine Langeweile aufkommt.

Magisches Hornmotiv

Ganz im Gegenteil: Das Publikum scheint die Symphonie mit dem zauberhaft magischen Hornmotiv zu Beginn des Kopfsatzes und dem an die fünfte Beethoven-Symphonie erinnernden Scherzo im dritten Satz in vollsten Zügen zu genießen, ehe alles in ein rauschendes und jubelndes Finale mündet. Diese Aufführung lohnt sich, und am Ende können wohl alle den Worten Schumanns zustimmen, der dieses Werk als einen "dicken Roman in vier Bänden" bezeichnete.
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