"Die schmutzigen Hände" von Sartre in den Nürnberger Kammerspielen: Explosives Gemisch mit ...
Mit einer echten Tat dem Leben Sinn verleihen

"Die schmutzigen Hände" feierten in Nürnberg Premiere. Stefan Willi Wang (von links), Louisa von Spies und Daniel Scholz versprühten dabei neben Nachdenklichem auch einen Hauch von Erotik. Bild: Kusch
Kultur BY
Bayern
15.04.2015
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Eine echte "Feuertaufe" erlebte Jean-Paul Sartres Drama "Die schmutzigen Hände" bei der Premiere in Nürnberg. Regisseurin Schirin Khodadadian inszenierte das 1948 uraufgeführte Stück mit derart viel Zigarettenrauch und einer täuschend echten Bombenexplosion, dass die Feuerwehr anrücken musste. Die Besucher, die das Ganze für einen netten Regie-Gag hielten, verließen zögernd das Schauspielhaus. Erst nachdem einige Sicherheitsleute die Lage überprüft hatten, konnte die Aufführung weitergehen. Viel Rauch um nichts also? Keineswegs! Das bestens aufeinander eingespielte Ensemble nahm die Unterbrechung mit Humor und verwandelte Sartes vergessenen Klassiker in ein explosives Gemisch mit aktueller Brisanz.

Suche nach dem Sinn

Wir befinden uns im fiktiven Illyrien, 1943, zur Zeit der deutschen Besatzung. Der junge Hugo schließt sich der kommunistischen Partei an, um mit seiner bürgerlichen Herkunft zu brechen. Beherrscht von dem Gefühl, überflüssig zu sein, sucht er im kommunistischen Kollektiv nach dem "Wir" und will durch eine echte Tat seinem Leben Sinn verleihen. So stimmt er zu, den Anführer Hoederer zu ermorden, der von "der Partei" als Verräter angesehen wird. Khodadadian streicht diesen recht politisch-philosophisch anmutenden Stoff zu einem packenden Polit-Thriller zusammen. Sie konzentriert sich auf die Auseinandersetzung zwischen dem Realisten Hoederer und dem Idealisten Barine, um zu verdeutlichen: Die Welt (der Politik) ist ein Geflecht aus Gut und Böse, Wahr und Falsch, Bewahrung und Revolution. Im Unterschied zu Sartres Original werden in Nürnberg zwei Figuren hinzugefügt. Gekonnt und tiefsinnig treten Thomas Klenk und Thomas Nunner immer wieder als "zwei Radikale" auf und zitieren Sätze aus Dostojewskis "Verbrechen und Strafe". Bereits in diesem 1866 erschienenen Roman entwickelt der Protagonist Raskolnikow die Idee eines "erlaubten Verbrechens". Er haust in einem Zimmer von sargähnlicher Enge, eine Idee, die auch in der Nürnberger Sartre-Variante aufgenommen wird. Bühnenbildnerin Thays Runge lässt die schwarzen Wände des düsteren Parteibüros nach hinten immer niedriger und enger werden.

Hauch von Erotik

Dass die Spannung kräftig knistert, liegt vor allem an den prägnanten Dialogen der überaus differenziert agierenden Schauspieler. Zwischen dem Intellektuellen Hugo Barine (ein wild gestikulierender und geifernder Stefan Willi Wang), dem Machtmenschen Hoederer (bedächtig und vermittelnd: Daniel Scholz) sowie der verführerischen und lebensklugen Jessica (bezaubernd: Louisa von Spies) wallen letztlich nicht nur gedankliche, sondern auch erotische Wogen. Und Hugo, der politisch gescheitert und "nicht mehr verwendungsfähig ist", vollbringt seinen längst geplanten Mord - allerdings eher aus Eifersucht, denn aus politischer Überzeugung.
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