Die Welt von oben betrachten

Johann Friedrich Morgenstern und Johann Carl Wilck fertigten diese Vorzeichnung für ein großes Frankfurt-Panorama 1809 und 1810 an. Bild: Kusch
Kultur BY
Bayern
20.11.2014
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Nicht nur Michael Ende beschreibt eine große Sehnsucht des Menschen in seinem Gedicht "Der Traum vom Fliegen". Auch Musiker und Maler setzten ihre Vision vom grenzenlosen Gleiten in Klänge oder Farben um. Eine Ausstellung im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg wagt "Die Vogelperspektive".

Denn von ganz oben hat man den besten Überblick. So galten Berggipfel einst als Sitz der Götter. Und in der christlichen Kunst des Mittelalters stand das vom Himmel herabblickende Auge für die Allwissenheit Gottes, der über die irdischen Dinge wacht.

Fantastische Aussichten, atemberaubende Panoramen und unglaubliche Weiten: Erstmals widmet sich das Germanische Nationalmuseum der Geschichte der Vogelperspektive in der Kunst. Eine große Sonderausstellung präsentiert bis 22. Februar 2015 rund 200 Exponate, darunter Gemälde, detailliert ausgearbeitete grafische Blätter, Fotografien, aber auch Globen und aufwendig angefertigte Stadtmodelle. Die Besucher reisen quasi durch 500 Jahre europäischer Weltanschauung mit Hilfe "von ausgewählten Werken vom Spätmittelalter bis in die Gegenwart", betont Kuratorin Yasmin Doosry bei der Pressekonferenz in Nürnberg.

Paris von oben beliebt

Seit Ende des 15. Jahrhunderts tritt die Vogelperspektive in der bildenden Kunst in Erscheinung. Künstler bedienten sich des "Blicks von oben", um die Welt in kosmische, religiöse, sozial-politische oder wissenschaftlich-technische Zusammenhänge einzubinden. Die Vogelschau diente aber auch der Verbildlichung von Idealstädten wie zum Beispiel des Himmlischen Jerusalem. Aus der bedeutenden Schedelschen Weltchronik von 1493 wird eine Ansicht der heiligen Stadt gezeigt, dessen Anlage symbolisch für das Idealbild einer besseren Gesellschaft steht.

Die erste große Zäsur in der Wahrnehmungsform vollzieht sich im 18. Jahrhundert. Die Erschließung der Bergwelt ermöglicht zum ersten Mal einem breiten Publikum das reale Erleben der Vogelschau. Der Blick in die Ferne von Gipfeln fasziniert und verspricht eine Bewusstseinserweiterung. In ihm spiegeln sich aber auch die Abgründe der menschlichen Psyche, die etwa Ferdinand Hodler und Ernst Ludwig Kirchner in ihren Gemälden festhalten.

Nun kommen auch malerische Ausblicke aus Heißluftballons und große Rundpanoramen in Malerei und Fotografie in Mode. Den Höhepunkt findet diese Entwicklung in Paris: Der fotografische Blick von Notre Dame und Eiffelturm auf die französische Metropole wird zum populären Bildmotiv.

Die ultimative Eroberung der Vogelperspektive ermöglicht im 20. Jahrhundert das Flugzeug. Aus großen Höhen aufgenommene Luftbilder lassen die Erde wie geometrische Formen und Linien erscheinen.

Werke aus der Moderne

Maler der Moderne wie Kasimir Malewitsch, aber auch junge Performance-Künstler verarbeiten diese Eindrücke, wie in der Ausstellung zu sehen ist. Nachdem im Neuen Museum erst kürzlich eine große Gerhard Richter-Ausstellung eröffnet wurde, darf der Meister auch im Germanischen Nationalmuseum nicht fehlen. Ausgehend von der Fotografie eines amerikanischen Luftaufklärers schuf er die Arbeit "Bridge 14 FEB 45", die den Süden Kölns mit zahlreichen Bombentrichtern zeigt. Hier zeigt sich, dass der Traum vom Fliegen auch seine Schattenseiten besitzt. Eine sehenswerte und zugleich berührende Ausstellung.

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Die Ausstellung "Von oben gesehen: Die Vogelperspektive" ist von 20. November bis 22. Januar 2015 im Germanischen Nationalmuseum (Kartäusergasse 1, Nürnberg) zu sehen.

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Weitere Informationen im Internet:

http://www.gnm.de
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