"Dieses Stück ist noch immer lebendig"

Ein Wiedersehen bei den Luisenburg-Festspielen mit der Wenzel-Figur des Waldsassener Autors Werner Fritsch gibt es am Freitag, 24. Juli, im Museumshof des Fichtelgebirgsmuseums. Gerd Lohmeyer ist in der Hauptrolle zu sehen, der 2012 in "Cherubim" und 2013 in "Jean Paul - Jetzt" den Knecht schon so unvergleichlich in Szene setzte. Bild: Hannes Bessermann
Kultur BY
Bayern
24.07.2015
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Der alte Wenzel, der Knecht von der Hendlmühle, dem Werner Fritsch in seinem Roman-Debüt "Cherubim" ein literarisches Denkmal errichtet hat, sitzt im Altersheim, umgeben von lauter skurrilen Figuren. Sie alle treiben ihr Unwesen im Heiliggeistspital, einem fröhlich-gruseligen Ort, von dem aus es nur in den Tod oder in den Himmel geht.

Heute Abend (20 Uhr) hat im Programm von LuisenburgXtra das Werner-Fritsch-Stück "Es gibt keine Sünde im Süden des Herzens - Ein Höllensturz" Premiere. Die Kulturredaktion führte mit dem Autor, Dramatiker und Filmemacher Werner Fritsch dieses Interview:

Sie kommen gerade von der Generalprobe zurück: Wie sind Ihre ersten Eindrücke?

Werner Fritsch: Ich habe mit Freude zur Kenntnis genommen, dass das vor zwanzig Jahren geschriebene Stück noch immer lebendig ist und aufblüht, wenn das Wort Fleisch wird. In vielem prophetisch! Zum Beispiel der Satz "Alles ist aufgezeichnet für alle Zeiten" und die Vermutung Wenzels, dass "sie" aus dem Fernseher herausschauen können auf uns, kann ja eine künftige Technik von Total-Überwachung der qua Quotenidiotie gleichgeschalteten Gesamtbevölkerung sein...

Vor zwei Jahren wurde ja bereits mit "Jean Paul - Jetzt" ein Stück von Ihnen auf der Luisenburg gespielt. Da traf damals der Knecht Wenzel mit seiner naturbelassenen Sprachwucht auf den Dichter Jean Paul und dessen geschliffene Sprachmacht.

Fritsch: Die beiden haben sich gleichwohl sehr gut verstanden, über Jahrhunderte hinweg. Wo jeder für sich oft unverstanden blieb in seiner Zeit und Umwelt: Wenzel genauso wie Jean Paul. In "Jean Paul - Jetzt" erhellen sie sich gegenseitig: der Weise und der Tor, der Analphabet und das wohl größte Genie deutscher Prosa.

Und der Veranstaltungsort wurde gewechselt - heuer wird im Hof des Fichtelgebirgsmuseums gespielt.

Fritsch: Wie damals auch bei "Cherubim". Hier passt es insofern gut als auf der Barock-Bühne - als Bühne der Bühne - ein Fernseher steht. Und die Gewitter in der Natur regieren auch über den Museumshof. Freilich ist die Natur, die Majestät und Gravität der Steine, der Wind in den Wipfeln bei "Jean Paul - Jetzt" eine wunderbare Bühne gewesen. Mitte der Siebziger habe ich - und von da an hat mich Thalia zu bezirzen begonnen - auf der Naturbühne der Luisenburg Shakespeares "Hamlet" gesehen, mit Ellen Schwiers als Gertrud. Und jahrzehntelang bei tausenden Stunden im Theater hat mir immer etwas gefehlt - und erst viel später hab ich erkannt, dass es die Natur war, die mir im Theater gefehlt hat.

Allenfalls Shakespeare und Wagner können mit Worten und Tönen das Weben und Wüten der Natur auf dem Theater herbeizaubern. Ich habe es in meinen Stücken auch immer einzuschreiben versucht, das wilde Denken, inspiriert von den Windungen und Mäandern der Wondreb, aber in der Natur als Bühne haben meine Worte noch eine andere Wirkung, kommt mir vor ...

Heuer dagegen, in "Es gibt keine Sünde im Süden des Herzens", begegnet der Luisenburg-Besucher lediglich Wenzel und beobachtet ihn im Altenheim.

Fritsch: Ja, aber Wenzel, der früher nur "eine Augenliebe bei Kirchenfesten" gehabt hat, wird, kaum im Altersheim, nicht nur von Indianerpfeilen aus dem Fernseher, sondern auch von Amors Pfeilen getroffen, und zwar direkt ins Herz. Er kämpft mit dem Wiesauer Metzger Häcksler - Herzensliebe oder Herztod - um die Gunst der Turtel, nachdem er das Wurmweib schon an den Erz-Don-Juan Häcksler, der glaubt, "alles Liebesglück, was in dem Augenblick stattfinden tut auf der gesamten Welt", auf sich lenken zu können, verloren hat ... Ob sich der Wiesauer Metzger-Meister Häcksler sich dabei nicht übernimmt? Das Liebesglück, das in diesem Augenblick stattfindet auf der ganzen Welt, ist womöglich zu groß für die Mördergrube eines Menschenherzens.

Was bedeutet das für Sie, dass dem Wenzel, der am Anfang Ihres schriftstellerischen Schaffens stand, die Bühne auf der Luisenburg geöffnet wird?

Fritsch: Es ist ein wenig wie "coming home". Ich rechne es Michael Lerchenberg hoch an, dass er Hölderlin beherzigt: "Und es kehret der Bogen umsonst nicht dahin zurück, woher er kommt". Möge die "Sünde" ihn zu weiteren guten Intendanten-Taten verführen ...

Aber Ihr Stern als Theaterautor strahlt doch ansonsten weit über die Oberpfalz hinaus ...

Fritsch: In Nürnberg und in Regensburg wurde bisher nur mein Stück "Enigma Emmy Göring" gespielt, während etwa in der Hälfte meiner 50 Stücke Sprache und Geschichten aus dieser Region so aufgehoben sind, dass sie auch anderswo verstanden werden: So bei der Uraufführung in Darmstadt, in Osnabrück, Berlin, so bei den Salzburger Festspielen als szenische Lesung.

"Es gibt keine Sünde im Süden des Herzens" war auch schon im Schauspiel Frankfurt und im Bayerischen Staatsschauspiel in München auf dem Spielplan und die Leute haben gesagt: "So ein schöner Titel". Beides zerschlug sich. Die Münchener Aufführung durch den Tod des wunderbaren Richard Beek, der dem Wenzel 50 Mal am Bayerischen Staatsschauspiel Leben eingehaucht hat.

Aber nun kommt der "Cherubim" ja nach München?

Fritsch: In der Gestalt Gerd Lohmeyers: Er wird in der kommenden Spielzeit im Münchener Metropol-Theater Wenzel wieder auf- und weiterleben lassen: "Der Tod - ein Muttergotteskuß ist es". Zum ersten Mal las ich übrigens Teile der "Sünde" als dialogreiche Prosa beim Bachmann-Preis in Klagenfurt, der Saal stand von der ersten Silbe an unter Strom. Ich habe gespürt: Der Text zündet! So, wie ich es jetzt wieder gespürt habe bei der Generalprobe.

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Weitere Informationen und Karten im Internet:

http://www.luisenburg-aktuell.de
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