Drei wahre Weihnachtsgeschichten aus Ostbayern
Weihnachtsgeschichten mit realem Hintergrund

Jeder Bub wäre stolz auf seinen Vater, der eine so imposante roträdrige Lok fährt. Bilder: Tamme (3)
Kultur BY
Bayern
24.12.2015
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Nahe dem Denkmal für die Schlacht von Eggmühl nahe Regensburg sind hier am Heiligen Abend 1947 zwei Reifen gleichzeitig geplatzt.

Alle Jahre wieder erfreuen uns kreative Autoren mit neu erfundenen Weihnachtstexten. Doch auch Geschichten mit realem Hintergrund haben ihren Reiz, besonders dann, wenn sie sich in unserer ostbayerischen Region ereignet haben.

Auf seiner Fahrt von München nach Norden hat der Zug fast pünktlich den Bahnhof von Neufahrn/Niederbayern erreicht. Doch hier schauen sich die Fahrgäste fragend an: Bläst da draußen nicht ein Trompeter eine weihnachtliche Weise? Einige Neugierige öffnen die Abteil-Türen, während weiter vertraute freudige Töne erklingen. Die Mutigsten stimmen bald ein und singen das Lied "Am Weihnachtsbaume die Lichter brennen" mit. Und was geschieht, als der Schaffner "Alle einsteigen!" ruft? Nichts! Denn der unbekannte Trompeter hat schon das nächste Lied angestimmt.

So unglaublich es auch klingt: Fahrgäste und Zugpersonal verharren fröstelnd, aber froh in der blassen Abendsonne auf dem Bahnsteig und singen ein Lied nach dem anderen mit - von "Alle Jahre wieder" bis "Tochter Zion, freue dich". Als der Zug mit halbstündiger Verspätung wieder losdampft, sind sich alle Menschen einig. Dieser Heilige Abend hat wunderbar begonnen und die Vorfreude auf die Feier daheim noch vergrößert.

Diesen Trompeter hat es wirklich gegeben. Er hat lange in Amerika gelebt. Nach der Rückkehr in die Heimat hat er jedes Jahr auf seinem Balkon in der Nähe des Bahnhofs viele Weihnachtslieder geblasen. Er ist im gesegneten Alter von 94 Jahren gestorben. Der improvisierte musikalische Halt auf dem Bahnhof von Neufahrn hat exakt am Heiligen Abend 1950 stattgefunden. Es war der Zug mit der Nummer E517 von München nach Hof. Wahre Geschichten erscheinen manchmal unglaublicher als erfundene - sogar an Weihnachten.

Schwarzmarkt-Fahrt 1947


Zu dieser Geschichte gehören zwei Teile. Der erste beginnt im April 1809, als Marschall Louis Davout in der Schlacht von Eggmühl nahe Regensburg ein österreichisches Heer besiegte. Daraufhin erhielt er von Napoleon den Titel des Fürsten von Eckmühl. Als seine Tochter 1897 auf ihre Kosten in der Bretagne einen Leuchtturm errichten ließ, durfte sie über die Bezeichnung dieses Bauwerks entscheiden. Sie gab ihm in Erinnerung an ihren Vater den Namen "phare d'Eckmühl".

Der zweite Abschnitt beginnt im Jahr 1947, noch vor der Währungsreform. Fritz war damals zwanzig Jahre alt und arbeitete im Transport-Unternehmen seines Vaters mit. Das funktionierte vor allem mit "Tauschgeschäften". Zum Beispiel fuhr man Schnittholz oder Weihnachtsgänse aus der Oberpfalz ins ferne Württemberg und kam mit Flugzeug- oder Vollgummi-Reifen zurück.

In dieser Lage traf den jungen Fritz auf der Rückfahrt vom Allgäu in die Oberpfalz ein schlimmer Schicksalsschlag. Gleich zwei Reifen seines schwer beladenen Anhängers platzten gleichzeitig in Eggmühl bei Regensburg. Was tun? Jetzt war ein kühner Entschluss wie zu Napoleons Zeit geboten. Fritz ließ den Beifahrer Wastl mit dem Anhänger voller Butter und Käse stehen und brauste mit der Zugmaschine wieder nach München zurück. Dort bat er Herrn Thaler, den Freund seines Vaters, um Hilfe. Dessen Tochter "ging" nämlich mit einem Amy, der in einem reich bestückten US-Depot arbeitete.

Nach kurzer Zeit übergab er Fritz vier nagelneu-duftende Reifen. Die Bezahlung würden die Väter regeln. Fritz brummte voller Euphorie zurück nach Eggmühl. In der Dunkelheit montierte er mit dem Beifahrer die zwei neuen Reifen, auf denen zu lesen war "US Government Property". Doch das war völlig unwichtig. Jetzt ging es nur darum, durch das kurvenreiche Naab-Tal nach Norden zu gelangen, um den Oberpfälzern daheim für das Weihnachtsfest die dringend benötigten Kalorien zu überbringen.

Der Fritz lebt übrigens noch und er hat die Geschichte so erzählt.

Schönstes Weihnachtsfest


In einer Stadt zwischen Hof und Regensburg lebte ein Bub, der Josef hieß. Wie alle Sechsjährigen litt er darunter, dass die letzten Tage vor der Heiligen Nacht einfach nicht vergehen wollten. Nur sein Bruder Hans war noch ungeduldiger. Aber der war auch erst fünf Jahre alt. Besonders stolz war Josef auf seinen Vater. Der war Lokführer und oft auch an Feiertagen im Einsatz. Um so größer war die Überraschung der beiden Brüder, als die Eltern - nach Josefs Meinung einen Tag zu früh - die vertrauten Vorbereitungen für den Heiligen Abend begannen.

Als dann alle vier im Lichterglanz des Christbaums die bekannten Lieder sangen, dachte Josef, wie gut es sei, dass er doch noch nicht perfekt zählen konnte. Dann sagte er sein in der Schule gelerntes Gedicht fast fehlerfrei auf und Hans spielte sein lange eingeübtes Lieblingslied auf der Flöte. Die ersehnte Bescherung begann aber erst, nachdem die Mutter aus der alten Familien-Bibel die Weihnachtsgeschichte nach Lukas vorgelesen hatte.

Als die beiden Buben erfreut und erschöpft in ihre Betten krochen, hörte Josef den Vater zur Mutter sagen: "Das war unser bisher schönstes Weihnachtsfest." Diesen Satz verstand er zwar nicht, aber er wusste, dass Erwachsene dazu neigen, manchmal unverständliche Meinungen zu äußern. Am nächsten Morgen kam dann der Schreck. Der Vater war schon wieder als Lokführer unterwegs und die zwei Buben durften nicht nach draußen zu ihren Freunden, um sich gegenseitig ihre Geschenke zu zeigen.

Doch die Mutter sagte zu Josef: "Hör zu, du bist doch schon groß und vernünftig. Dein Vater war seit langem zum Dienst am Heiligen Abend eingeteilt. Da er aber unbedingt zusammen mit euch feiern wollte, hat er das Christkind gebeten, einen Tag eher zu uns zu kommen. Wenn ihr beiden jetzt hinauslauft, verwirrt ihr die andern Kinder. Die bekommen Angst, dass das Christkind sie ganz vergessen hat." Die beiden Brüder blieben also daheim, sie zankten sich kaum und waren stolz auf ihren Vater, der dem Kalender ein Schnippchen geschlagen hatte.

Auch diese Geschichte ist wahr. Erzählt hat sie ein pensionierter Lokführer aus Weiden.

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