Dunkle Wolken über Sonnenkindern

In die abgeschottete Welt der Bildungselite bricht das reale Draußen in Gestalt zweier Clowns von "da unten" immer wieder ein. Die beiden sind angehalten, Theater zu spielen und geben Szenen aus "Nachtasyl" (uraufgeführt 1902) zum Besten. Julia Bartolome (vorne von links), Louisa von Spies und Stefan Willi Wang sowie Thomas L. Dietz (hinten von links) und Philipp Weigand punkteten mit Rollen-Sicherheit. Bild: Marion Bührle
Kultur BY
Bayern
26.02.2015
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Bitter wie sein Künstlername ist die Welt. Gorki heißt wörtlich "der Bittere", und so hat der russische Schriftsteller das Dasein auch erlebt. Alexei Peschkow, wie er ursprünglich hieß, wuchs in ärmsten Verhältnissen auf.

Seine Eltern starben früh, Gewalt innerhalb der Familie war nichts Außergewöhnliches und sein Geld musste er als Laufjunge, Ikonenmaler, Nachtwächter und Rechtsanwaltsgehilfe verdienen. Seine Theaterstücke "Nachtasyl" (1902) und "Kinder der Sonne" (1905), die nun als "Kombi-Pack" am Nürnberger Schauspielhaus Premiere feierten, sind deshalb Zeitgeschichte und Autobiografie zugleich. "Intelligenzija" und Volk werden von Maxim Gorki streng getrennt. Während sich die Bildungselite in einem abgeschotteten Elfenbeinturm der Wissenschaft und Kunst widmet, tobt draußen der Mob. Während ringsum die Cholera ihre Opfer fordert, ergeht man sich drinnen im Philosophieren.

Eindrückliche Idee

Regisseur Sascha Hawemann, der für das Staatstheater bereits den "Tod eines Handlungsreisenden" inszenierte, setzt diese Disparität der Lebensbereiche mit einer einfachen und eindrücklichen Idee in Szene: Ein bühnenbreites Bücherregal aus Bildung beschützt die Damen und Herren der High Society vor den kleinen Leuten.

Doch auch diese Mauer bekommt am Ende Risse - die Revolution frisst ihre Kinder im Symbol einer riesigen aufblasbaren Matroschka, durch deren Reißverschluss die Bildungselite ins Innere flüchtet.

Risse und Reißverschlüsse - auch bei den Personen, die sich in dieser Tragikomödie als "Kinder der Sonne" fühlen, ziehen immer wieder dunkle Wolken auf. Der Wissenschaftler Pawel Fjodorowitsch Protassow (ein kühl agierender Stefan Willi Wang) vernachlässigt seine Ehefrau Jelena Nikolajewna (Louisa von Spies, die auch am Klavier eine gute Figur macht), weil für ihn allein die Forschung zählt.

Protassows Schwester Lisa (mit Julia Bartoleme bestens besetzt) und Tierarzt Boris Nikolajewitsch Tschepurnoj (Christian Taubenheim als ihr galanter Verehrer), die ihr Leben endlich verändern wollen, aber nicht wissen, wie: Das Nürnberger Ensemble punktet wieder mit Rollensicherheit und schauspielerischer Präsenz. Für Gänsehaut sorgt Sascha Hawemanns Idee, zwei Clowns auftreten zu lassen, die lose Szenen aus Gorkis "Nachtasyl" einfließen lassen. Philipp Weigand und Thomas L. Dietz verkörpern diese Zeugen des außen vor bleibenden Elends mit elegischer Eleganz. Narren und Kinder sagen bekanntlich die Wahrheit.

Mit Schuss Humor

Und sie vertiefen Gorkis Ansatz, auf gesellschaftliche Missstände realistisch, aber stets mit einem Schuss Humor zu reagieren. Bleiben zwei Anmerkungen zu einer insgesamt sehenswerten und nachdenkenswerten Inszenierung: Eine Kürzung gerade im ersten Teil würde manch Länge vermeiden. Und: Es schadet nichts, vor dem Besuch den Inhalt zu kennen.
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