Ein Bild sagt mehr als tausend Worte

Ali Mitgutschs erstes Bilderbuch beim Verlag Ravensburger, "Rundherum in meiner Stadt", erschien 1968 und wurde bisher mehr als 1,3 Millionen Mal verkauft. Insgesamt gingen seine Bücher allein in Deutschland über fünf Millionen Mal über den Ladentisch, international kamen mehr als drei Millionen verkaufte Exemplare dazu. Bild: Anja Koehler
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Bayern
20.08.2015
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Die Wimmelbücher von Ali Mitgutsch erzählen Dutzende Geschichten und machen ihn seit knapp 50 Jahren zum Held in vielen Kinderzimmern. Seine eigene Kindheit war weniger unbeschwert: Mitgutsch war Kriegskind. Morgen feiert er 80. Geburtstag.

"Wauwau!" - Die kleine Felicitas patscht auf den braunen Hund in ihrem Bilderbuch. Ihre Augen schweifen weiter über die Seite, bleiben an der Zeichnung einer Frau mit grauem Dutt hängen. Die Zweijährige gluckst vor Freude: "Oma". - Obwohl das Buch aus dem Jahr 1968 stammt, gelingt es ihm noch heute, Kinder zu begeistern. "Rundherum in meiner Stadt" erhielt 1969 den Deutschen Kinder- und Jugendliteraturpreis. Es stammt von dem Münchener Zeichner Ali Mitgutsch, der am 21. August 80 Jahre alt wird.

Er gilt als Erfinder der "Wimmelbücher" - und tatsächlich wimmelt es in seinen Büchern auf doppelseitigen Bildern von detailliert gemalten Szenen mit Menschen und Tieren. Es gibt sie in verschiedenen Größen, für Kinder teilweise lebensgroß. "Bilder zum Reinkriechen", das sei als Kind sein Traum gewesen, erzählt der Münchener mit dem markanten weißen Bart.

"Man muss es bloß sehen"

Stadt und Dorf, Gebirge und Gewässer: Mitgutsch entwirft Panoramen aus der Alltagswelt von Kindern. Er wolle vermitteln, dass sie nicht arm dran seien, bloß weil sie nicht in der Ritter- oder Prinzessinnenzeit lebten. Vielmehr passiere immer viel Interessantes. "Man muss es bloß sehen", sagt der Zeichner.

Kitaplatz-Knappheit oder Flüchtlinge: Brisante Themen finden sich in der Welt der Mitgutsch-Bilder nicht. "Das ist alles eine Frage der Deutung", wehrt sich Mitgutsch. In manchen Bildern gebe es durchaus Ansätze, die sich kritisch mit der Gegenwart auseinandersetzen. "Denken Sie an das alte Ehepaar, das aus seinem Haus vertrieben wird, weil es einem Staudammbau weichen muss".

Außerdem seien seine "Leser" zwischen drei und fünf Jahre alt und fingen erst an, die Welt zu entdecken. "Wo Erwachsene Einfachheit sehen, sehen sie eine komplexe Welt", erklärt Mitgutsch und betont: "Etwas einfach zu machen ist schwer, und man sollte nie die Kraft des Einfachen unterschätzen."

"Wimmelbücher sind bei Kindern so beliebt, weil sie ansprechend gestaltet sind und sich so viel darauf entdecken lässt", erklärt Jürgen Lauffer, Geschäftsführer der Gesellschaft für Medienpädgogik und Kommunikationskultur (GMK) mit Sitz in Bielefeld die Faszination. Die bleibe auch bestehen, wenn die Wimmelmotive auf Tablets oder Computer übertragen werden. Tatsächlich gibt es die Bücher mittlerweile digital als Wimmelspiel-Apps.

Seinen Frieden gefunden

Mitgutsch kommt 1935 in München zur Welt. Kurz nach seinem vierten Geburtstag beginnt der Zweite Weltkrieg. Die Angst im Luftschutzkeller prägt den kleinen Ali - aber auch die Trümmerlandschaft Schwabings als riesiger Abenteuerspielplatz. Nächtliche Luftangriffe gehören zu seinen frühesten Erinnerungen, beschreibt er in seinem Buch "Herzanzünder - Mein Leben als Kind". "Ich hätte gern eine ganz andere Kindheit gehabt", erzählt der Zeichner kurz vor seinem 80. Geburtstag: "eine unbeschwertere". Doch auch, wenn sein Leben nicht immer einfach war, sei es erfüllt gewesen: "Ich habe meinen Frieden gefunden".

Dass er als Kind häufig mit seiner sehr gläubigen Mutter auf Wallfahrten ging, spielt keine unwichtige Rolle für seine Karriere. Denn dabei lernt Ali Dioramen kennen, Schaukästen mit Modellszenen, an die er sich lebhaft erinnert: Sobald er fünf Pfennige in den kleinen Schaukasten wirft, geht ein Licht an und erleuchtet eine winzige Kirchenfassade. Dann öffnet sich eine Tür, auf einer Schiene fährt Bruder Konrad heraus und fällt auf die Knie. Es ertönen Glockenschläge und aus dem geschnitzten Kirchturm erscheint das Jesuskind. "Für uns war das die reinste Zauberei", erinnert sich Mitgutsch. Wie die Dioramen damals lässt er heute in seinen Bildern Geschichten entstehen - mit viel Platz für die Fantasie.

Die Kirche selbst kommt in seinen Arbeiten kaum vor. "Aber der christliche Glaube durchwirkt doch alles und ist lebendiger Teil meines Selbst", sagt er. Glaube bestimme seine Werte: "Da hat meine Mutter schon ganze Arbeit geleistet".

Nähe sehr wichtig

Neben den Dioramen hatten auch Maler des Mittelalters wie Pieter Bruegel der Ältere oder Hieronymus Bosch Einflüsse auf seine Arbeit. "Mich hat Vieles beeinflusst, Malstile aus allen Epochen, ich war immer neugierig und lernbereit", sagt er. Wichtig war ihm aber, am Ende etwas Eigenes zu entwickeln.

Heute kämpft Mitgutsch für Mieterrechte. Zum Thema Heimat gehört für ihn auch die Frage nach Nachbarschaft. "Für mich ist die Nähe der Menschen untereinander wichtig", beschreibt der Münchener: einander kennen, sich grüßen, aufeinander achtgeben. Mittlerweile gibt es zahlreiche Zeichner, die Wimmelbilder produzieren. Mitgutsch dagegen geht es heute ruhiger an und zeichnet ganz nach Lust und Laune. "Wenn ich nicht mehr mag, lasse ich den Stift ruhen".
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