Ensemble "Camerata Orphica" spielt in der Bayreuther Stastkirche Werke jüdischer Künstler
"Echo des Unerhörten"

Das Ensemble "Camerata Orphica" unter der Leitung von Amaury du Closel begeistert in der Stadtkirche mit ihrer Interpretation von Werken jüdischer Künstler. Bild: sbs
Kultur BY
Bayern
27.08.2016
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Jüdische Musiker wurden von den Machthabern des Nationalsozialismus geächtet, ihre Werke verboten. Viele davon erklingen noch heute selten in den Konzertsälen. Das Ensemble "Camerata Orphica" greift eben diese Kompositionen auf und interpretiert sie in Bayreuth.

Bayreuth. "Der vom Holocaust verursachte Verlust für die Musik ist eine Katastrophe, deren Ausmaß für immer unbekannt bleiben wird", schrieb einst die Musikwissenschaftlerin Sarah Nathan-Davis. Auch heute werden die Werke jüdischer Komponisten nur selten gespielt - geraten in Vergessenheit. Unter dem Titel "Echo des Unerhörten" widmet sich das Ensemble "Camerata Orphica" unter der Leitung des französischen Dirigenten Amaury du Closel anlässlich des Festivals junger Künstler Bayreuth jener vergessenen Musik und bringt in der Bayreuther Stadtkirche Werke von Erwin Schulhoff, Karl Amadeus Hartmann und Felix Mendelssohn Bartholdy zu Gehör.

Die Musiker beteiligen sich damit an dem Projekt "1945 Europa Jahr Null", das nicht nur das Bewusstsein für jene verbotenen Werke schärfen will, sondern auch das Bewusstsein für die Bedeutung des europäischen Hauses auf den Trümmern des Zweiten Weltkrieges. Schulhoff, Hartmann und Mendelssohn sind zweifelsohne Musiker, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Und doch sind sie wie durch ein unsichtbares politisches Band miteinander verbunden. Da ist zunächst Erwin Schulhoff, der 1924 als Sohn eines jüdischen Wollwarenhändlers in Prag geboren wurde. Nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten wandte er sich der kommunistischen Bewegung zu. Später erhielt er die sowjetische Staatsbürgerschaft und wurde nach dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf die UdSSR zu einem Bürger eines Feindstaates.

Aufschrei gegen Vergessen


Am 23. Juni 1941 wurde er in Prag interniert und in das Lager Würzburg in Bayern deportiert, wo er schließlich 1942 an Tuberkulose starb. Seine fünf Stücke für Streicher atmen den Geist des Grauens und der Wut und wirken doch wie ein Aufschrei gegen das Vergessen.

Ganz anders Karl Amadeus Hartmann, der sich in der NS-Zeit mehr und mehr in die innere Emigration zurückzog und das NS-Regime boykottierte, indem er seine Musik von Deutschland fernhielt. Sein "concerto funebre" entstand 1938 als Protest gegen den Einmarsch deutscher Truppen in die Tschechoslowakei. Vor allem das Adagio klingt wie eine Klage über die politischen Zustände, immer wieder unterbrochen von trauermarschähnlichen Episoden und musikalisch gebleitet von einem "Choral", der der ausweglosen Lage Zuversicht entgegenstellen will.

Am Ende des Konzertes erklingt die wunderbare Symphonie für Streicher Nr. 9 von Felix Mendelssohn Bartholdy - jenem jüdischen Komponisten, dessen Musik bereits ab 1932 von den Konzertprogrammen gestrichen wurde und dessen berühmte Statue in Leipzig in einer Nacht- und Nebelaktion abgerissen und erst 2008 wieder aufgebaut wurde. Ja, dieses Konzert ist ein eindrucksvoller Gegenpol zum Vergessen und eine Homage an jene Musiker, die den totalitären Regimen ausgeliefert waren.
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