Feuerwerk nach Kurzschluss

Der israelische Choreograph Ohad Naharin setzt in seinem Stück "Minus 16" auf die "Gaga"-Methode, ein Trainingsprinzip, das Wert legt auf Improvisation, Freiheit und Instinkt. Bild: Bettina Stöß
Kultur BY
Bayern
15.05.2015
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Nach 20 Minuten endete die Ballett-Premiere "Dreiklang" auch schon wieder. Ein Kurzschluss in einem Sicherungskasten löste einen Schmorbrand aus, so dass die Feuerwehr anrücken musste.

Etwa 800 Zuschauer verließen das Opernhaus, bis die Sicherheitsleute Entwarnung gaben. Doch die Besucher nahmen es gelassen. Vor allem, weil Intendant Peter Theiler Freigetränke ausgab und die Premiere nach 45 Minuten fortgesetzt werden konnte. Das Warten hatte sich in diesem Fall gelohnt: Der dreiteilige Abend zündete mit abwechslungsreichen Klangwelten, fantasievollen Performances und tänzerischen Höchstleistungen.

Gescheiterte Gestalten

Zum Auftakt gab es die Choreographie "Rain Dogs", die der Schwede Johan Inger 2011 für das Basel Ballett entwickelte. Vor einem Turm aus Kassetten-Rekordern, Radios und Lautsprechern setzt Goyo Monteros Compagnie die rauen Töne von Tom Waits in eindrückliche Bewegungsmuster um. Gescheiterte Gestalten treffen aufeinander, die sich zwischen Visionen und Träumen bewegen und - stets vom Absturz bedroht - wie Schatten über die Bühne huschen.

Imponierend, wie Johan Inger Melancholie und Witz miteinander verbindet, so dass am Schluss Frauen und Männer nicht nur ihre Kleider, sondern auch ihre Rollen und Identitäten miteinander tauschen. Goyo Monteros Neukreation "111" zu Beethovens Klaviersonate Op. 111 wirkt dagegen eher schlicht und meditativ. Mit minimalistischem Aufwand und in reduzierter Form geht es um Lebenserfahrungen eines gereiften Mannes.

Zwischen schwarzen und weißen Wänden, die wie schwebende Klaviertasten wirken, zwängen sich seine Figuren hindurch, begegnen sich und der eigenen Seele, suchen nach Orientierung und Beziehung. Der Ballettchef selbst beweist hier, dass er das Tanzen nicht verlernt hat. Federleicht im Sprung, elegant im Ausdruck und akkurat in den Tempi - hier kehrt Montero zu seinen Ursprüngen zurück und präsentiert Ballett als puren Genuss.

Völlig abgedreht, aber nicht weniger eindrucksvoll ist schließlich der dritte Teil unter dem Titel "Minus 16". Ohad Naharin liebt das Wilde und Ungezähmte. Der heute 62-jährige Israeli entwickelte einst die sogenannte "Gaga"-Methode, eine auf Improvisation basierende Tanz-Technik. Einerseits sind die ungestümen und pulsierenden Formationen zwar streng einstudiert, trotzdem gibt es Freiräume für instinktive Einfälle der Tänzer.

Mitwirkende Zuschauer

Zu einem explodierenden Soundmix aus Techno, lateinamerikanischen und israelischen Klängen fliegen Hosen, Hemden und Hüte durch die Luft. Am Schluss werden sogar einige Zuschauer auf die Bühne geschleppt, um bei diesem großartigen und ekstatischen Tanzfest mitzufeiern. Kein Wunder, dass bei diesem flammenden Feuerwerk an Ballett-Ideen die Feuerwehr ausrücken musste.
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