Gabriele Dossi glänzt mit dem Drama „Weitere Aussichten“
Einzelzimmer gibt’s nur zum Sterben

"Weitere Aussichten": Gabriele Dossi sucht als Frau Ruhsam nicht nur einmal den "Dialog" mit ihrem Kanarienvogel "Burle". Bild: Marcel Kohnen/Luisenburg-Festspiele
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Bayern
13.07.2016
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Frau Ruhsam soll ins Altersheim abgeschoben werden. Mit stillem Humor sinniert sie am Vorabend des Umzugs über ihr Leben. Beim Kroetz-Drama "Weitere Aussichten" in der LuisenburgXtra-Reihe brilliert am Dienstagabend die Schauspielerin Gabriele Dossi als Protagonistin.

Wunsiedel. Es ist in gewisser Weise ihr ganzes bisheriges Leben, das da an ihr vorbeizieht. Jetzt, am Vorabend ihres unfreiwilligen Umzugs ins Altersheim. Es geht darum, sich von Liebgewonnenem zu trennen und für das Neue offen zu sein. Ein Kampf zwischen Hoffnung und ganz leiser Resignation, zwischen Zuversicht und leichter Desillusion. Der große Monolog "Weitere Aussichten" von Franz Xaver Kroetz, jenes Stück, das der bayerische Dramatiker explizit für die große Brecht-Schauspielerin Therese Giehse geschrieben hat, feiert Premiere im Innenhof des Fichtelgebirgsmuseums und eröffnet die LuisenburgXtra-Reihe.

Ein 50-Minuten-Monolog wie "Weitere Aussichten" steht und fällt mit der Protagonistin. Und in Wunsiedel steht er felsenfest: Mit Gabriele Dossi - wie Therese Giehse auch eine gebürtige Münchnerin - hat Regisseurin Steffi Baier eine Idealbesetzung für die Rolle der Frau Ruhsam gefunden. Facettenreich und glaubwürdig spielt sie die ältere Dame, die eigentlich mitten im Leben steht und deren Leben sich trotzdem von heute auf morgen ändern soll.

Altes hinter sich lassen


Denn es heißt Abschied nehmen von vielen Dingen, die ihr Leben prägten - angefangen vom Kanarienvogel "Burle", dem einzigen Gesprächspartner ("Du bist ein junger Vogel und ich nur eine alte Frau"), bis hin zum Kanapee, das im Altersheim keinen Platz haben wird. Dort die Seniorin ein Doppelzimmer beziehen, denn "Einzelzimmer gibt es bloß, wenn man im Sterben liegt oder eine hohe Rente hat". Zwei Koffer sollen es höchstens werden, die sie ins Heim mitnimmt. Da heißt es genau zu überlegen, was man braucht und was Ballast ist. Das habe schließlich auch ihr Sohn Otto gesagt, den Frau Ruhsam immer wieder mit einem Spruch zitiert: "Das Heim hat für alles gesorgt!" Je länger der Monolog dauert, umso klarer wird auch, dass Frau Ruhsam im Altersheim völlig fehl am Platz ist.

Kroetz hat sich 1973 zur Besetzung geäußert: "Ich warne: Je jünger trotz des Alters, je lebfrischer und kräftiger Frau Ruhsam dargestellt wird, umso größer ist letztlich die Tragik des Stückes, das ja auf das Elend, und zwar das ganz gewöhnliche Elend des Alterns und abgeschoben Werdens hinweisen will." Dieser Tragik versteht es Gabriele Dossi exzellent, Ausdruck zu verleihen. Da wird nicht gejammert, stattdessen legt sie sich den Marder um, setzt den Hut auf und singt "Heut' geh' ich ins Maxim" aus der "Lustigen Witwe".

Gut gerüstet


Die Sammelaktion dessen, was mit ins Heim darf, gestaltet sich tragisch-komisch. Der Schmuck kommt mit ("Den kriegen die Kinder erst, wenn ich tot bin. Solange ich lebe ist er ein Druckmittel"), das Bettzeug muss leider da bleiben. Wandschmuck macht ein Zimmer freundlich, so dürfen die winterliche Landschaft, der moderne Druck und der gemalte Eibsee mit. Auch die Medikamente dürfen nicht vergessen werden - schließlich zahlt "das Gsindel von der Kasse" nur die Hälfte - auch der Cognac wird Verwendung finden. Das Motto beim Packen: "Wer an alle Eventualitäten denkt, ist immer oben drauf!"

Sinnbildlich endet das Stück: Frau Ruhsam deckt den Vogelkäfig zu und sagt - sicherlich nicht nur zum Kanarienvogel - mit Blick auf die weiteren Aussichten: "Morgen scheint vielleicht die Sonne und alles schaut ganz anders aus!" Langer Applaus nicht nur für Dossi, sondern auch für Regisseurin Steffi Baier sowie das gesamte Team hinter der Bühne.
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