Geprägt von Zerrissenheit

Hans Natoneks bewegende Lebensgeschichte, vor allem aber sein Buch "Kinder einer Stadt" standen im Mittelpunkt des "Literarischen Cafés" im Egerland-Kulturhaus. Dr. Jean Ritzke-Rutherford (links) und Karl-Ludwig Ritzke lasen und erzählten auch aus Natoneks wenig bekanntem Werk "Blaubarts letzte Liebe". Bild: wro
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Bayern
26.10.2016
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Nach einer längeren Sommerpause öffnet nun das "Literarische Café" wieder. Zum Auftakt galt eine Spurensuche dem Prager Schriftsteller Hans Natonek.

Marktredwitz. Nicht zum ersten Mal war das Regensburger Ehepaar Karl-Ludwig Ritzke und Dr. Jean Ritzke-Rutherford zu Gast im "Literarischen Café" im Egerland-Kulturhaus. Sie widmeten sich dem Werk und der Lebensgeschichte von Hans Natonek. Sein Roman "Kinder einer Stadt" sollte sein erfolgreichster bleiben. Vom Ausnahmeerfolg beflügelt folgten zwar weitere (inzwischen teilweise vernichtete) Skizzen und Manuskripte. Berühmtheit erlangte Natonek aber nicht. An "Kinder einer Stadt" konnte kein Buch mehr anschließen.

Natonek zeichnet in "Kinder einer Stadt" das Bild dreier unterschiedlicher Jugendfreunde, die in Prag aufwachsen und nach dem Ersten Weltkrieg ihr Leben neu zu gestalten versuchen. Die Hauptfigur Dovidal scheitert am Versuch sich selbst zu entkommen, seine Neuorientierung misslingt. Alleine gelassen sieht er sich am Ende des Romans nur noch als groteske Figur seiner Heimatstadt Prag.

"Zweifellos war Hans Natonek seinerzeit schon wegen seiner liberal politischen Einstellung, später im Dritten Reich auch seiner jüdischen Herkunft wegen, die er schließlich sogar verleugnete, nicht sehr geschätzt", informierte Karl-Ludwig Ritzke. Dr. phil. Jean Ritzke-Rutherford erklärte: "Hans Natonek war damals zur falschen Zeit am falschen Ort." Nahezu unbeachtet geblieben sei "Blaubarts letzte Liebe", ein ebenfalls im "Literarischen Café" behandeltes Werk. Man sei eher durch Zufall auf den Autor gestoßen, sagte Dr. Jean Ritzke-Rutherford. "Auf Empfehlung eines Bekannten." Interessant an Natoneks Schriften seien die tiefen Einblicke in das kulturelle und politische Leben seiner Zeit, merkte Karl-Ludwig Ritzke auf die Frage einer Zuhörerin an.

Hans Natonek kam am 28. Oktober 1892 in Prag zur Welt. Als Jude von seiner geschiedenen Frau denunziert, musste er 1935 Deutschland verlassen. Natonek ließ sich zunächst mit seiner zweiten Frau Erica Wassermann in Prag nieder. 1939 flüchtete er weiter nach Frankreich. In Paris schloss er sich Joseph Roth an, mit dem er schon seit den 20er Jahren kollegial verbunden war.

Als späterer Immigrant in den USA wurde er auch unter dem Pseudonym N.O. Kent bekannt und in Literaturkreisen beachtet. Im USA-Exil verbrannte er kurz vor seinem Tod einen nicht unerheblichen Teil seiner vorhandenen Manuskripte, ein weiterer Teil seiner Schriften wurde von Termiten zerstört.

Gedichte


Hans Natonek war als freier Autor auch für den Aufbau einer Emigrantenzeitung in New York tätig und veröffentlichte unregelmäßig Beiträge, darunter auch viele Gedichte in diversen US-Tageszeitungen. Auf dem deutschen Buchmarkt galt Natonek in den ersten Nachkriegsjahren als vergessen. Für sein Werk "Kinder einer Stadt" bekam Natonek 1932 den Goethepreis der Stadt Leipzig verliehen. Eine Leipziger Straße ist nach ihm benannt. Der Schriftsteller verstarb am 23. Oktober 1963 in Tucson, USA.
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