"Gute Autoren bekommen keine Preise"

Das besondere an der neuen Buchpreis-Auszeichnung ist, dass die Entscheidung nach einer öffentlichen Jury-Sitzung fällt. Dieser gehört auch Literaturkritiker Denis Scheck an - hier bei den Weidener Literaturtagen im Mai 2014 . Bild: Wilck
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Bayern
27.11.2014
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Eigentlich sind Jury-Sitzungen vor Preisverleihungen eine ziemlich geheimnisvolle Angelegenheit. Der Bayerische Buchpreis will jetzt aber Schluss machen mit der Heimlichtuerei.

Heute wird in München zum ersten Mal der Bayerische Buchpreis verliehen - und die entscheidende Jurysitzung findet vor Publikum statt. Literaturkritiker Denis Scheck, der gemeinsam mit Franziska Augstein und Carolin Emcke in der Jury sitzt, erzählt im Interview der Nachrichtenagentur dpa, warum das so ist.

Warum braucht Bayern einen eigenen Buchpreis?

Denis Scheck: Natürlich aus dem gleichen Grund, warum es überhaupt Bayern braucht: um den törichten Unfug des Rests der Welt zu korrigieren.

Der Bayerische Buchpreis wird nach einer öffentlichen Jury-Sitzung vergeben. Warum?

Scheck: Weil ich die Idee lustig fand, einen Literaturpreis zu dekonstruieren: also all das nach vorn auf die Bühne zu stellen, was normalerweise in den Hinterzimmern des Literaturbetriebs stattfindet. Natürlich spielt dabei auch eine Rolle, das Publikum an der Spannung der Juryentscheidung teilhaben zu lassen.

Ist Transparenz bei der Vergabe von Kulturpreisen ein Problem?

Scheck: Ich selbst habe damit gar keine so schlechten Erfahrungen gemacht. Aber als man mich bat, einen neuen Literaturpreis zu konzipieren, fand ich es angesichts von fast 700 jährlich in Deutschland vergebenen Literaturpreisen sehr einleuchtend, einen neuen Modus zu finden.

Welche Jury-Entscheidung aus der jüngeren Vergangenheit hat Sie am meisten - sagen wir mal - überrascht?

Scheck: Der Literaturnobelpreis an Dario Fo.

Warum?

Scheck: Weil es einem Possenspiel von Dario Fo entsprungen sein könnte, ihn vor Philip Roth, Thomas Pynchon, Don DeLillo oder den mittlerweile leider verstorbenen John Updike mit dem Literaturnobelpreis auszuzeichnen.

Wie unabhängig sind Jurys in Deutschland Ihrer Ansicht nach?

Scheck: So unabhängig sie sein wollen. Es ist wie immer im Leben: Freiheit muss man sich nehmen, sie wird einem so gut wie nie geschenkt.

Ist das Ihrer Ansicht nach in anderen Ländern anders?

Scheck: Die Hochburg der Korruption im Literaturbetrieb ist sicher Spanien, aber wie man hört, steht es damit auch in Frankreich und Italien recht schlimm.

Gibt es eine Gruppe von Schriftstellern, die es Ihrer Ansicht nach besonders schwer hat, an Auszeichnungen zu kommen? Junge? Alte? Männer? Frauen?

Scheck: Ja, und diese Gruppe von Schriftstellern ist im Wandel der Zeiten immer dieselbe: Die wirklich guten. Franz Kafka, James Joyce, Vladimir Nabokov und Arno Schmidt starben alle ohne Nobelpreis - soll ich fortfahren? Offenbar ist es nicht so einfach, Größe in der Gegenwart zu erkennen. Andererseits sollte man Literaturpreise aber vielleicht auch nicht gar so ernst nehmen.
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