Hubert von Goisern begeistert in der Nürnberger Meistersingerhalle
Wie ein Schwert im Gletschereis

Ein Glücksfall für die Musik unserer Tage: Hubert von Goisern stellt sich konsequent gegen den Zeitgeist und ist einer der besten Botschafter seiner österreichischen Heimat. Bild: hou
Kultur BY
Bayern
11.10.2016
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So ist er nun einmal: Geradlinig, immer nach neuen musikalischen Wegen suchend und bei seinen Auftritten schlichtweg genial. Laut und leise, feinfühlig und dann wieder mit dröhnender Stimme. Ein Poet, der Worte und Töne wie kaum ein anderer in Einklang bringt: Hubert von Goisern.

Nürnberg. Wenn andere zu jodeln beginnen, wendet man sich mit Schaudern ab und hofft darauf, dass diese Berufs-Bergvagabunden und Dullijöh-Deppen bald ihre Tour durch den Musikantenstadel beendet haben mögen. Bei ihm, dem Hubert Achleitner aus Bad Goisern, klingt jeder Juchzer so, als ob sich ein scharfes Schwert ins Gletschereis bohrt. Bald wird er 64 Jahre alt. Doch noch immer steht da ein Mann auf der Bühne, der eine Vielzahl von Alleinstellungsmerkmalen auf sich vereinigt. Das macht ihn zum Monument.

Über 2000 Leute in der Nürnberger Meistersingerhalle. Wenn Hubert von Goisern samt seiner mit allen musikalischen Wassern gewaschenen Band die Zweistunden-Show serviert, wird ein Menü mit unzähligen Zutaten aufgetragen. Ein Feuerwerk von der ersten Minute an, das Worte und Akkorde zu einer unglaublich perfekten Symbiose vereinigt. Wer, außer ihm, würde es sonst noch wagen, die amerikanische Pedal-Steel-Guitar in Einklang mit der "Ziach" (wie er sagt) zu bringen? Es funktioniert unglaublich gut.

Umwerfend gute Nummer


Achleitner und seine vier Mitstreiter spielen den Blues aus den Swamps von Louisiana, sie machen aus dem Western-Gassenhauer "Oh Susanna" eine schier umwerfend gute Nummer. Der Frontmann aus dem Salzburger Land spielt Mundharmonika, setzt sich ans Keyboard, hängt die Gitarre um, glänzt mit Texten, die keiner so schreiben kann wie er. Musik und Sprache, die von den Sitzen reißt und dann wieder alle, die ihm zuhören, andachtsvoll in die Stühle presst.

"I tu mi hoart mit der Lederhosnmusik dort", reimt er mit einem Seitenhieb auf verirrte Klänge, die gerne dann zum Besten gegeben werden, wenn Menschen in Landhaustracht sich bemüßigt fühlen, auf Tische und Bänke zu steigen. "Amazing Grace" liefert Hubert von Goisern ab und dann eben dieses amerikanische Traditional von der Susanna. Sie fragt er: "Wos is etz mit uns zwoa?" US-Country und Texte aus Österreich - andere würde man auspfeifen und zum Teufel jagen. Doch bei ihm, dem Achleitner, gerät das zu einem Erlebnis.

Der Altmeister aus Goisern prangert das Elend unserer Tage an. Doch er sagt auch, nach all den Unsäglichkeiten brauner Vergangenheit, wir hätten jetzt gemeinsam die Chance, neue Umtriebe zu überwinden. Den Schnaps beim Nachbarn Franz beschreibt er, der Jambalaya-Rock von Fats Domino wird ins Salzkammergut transferiert. Achleitner braucht dazu kein Mikrofon, das auf Hirschgeweihe gepflanzt ist und er verschenkt keine rosa karierten Tüchlein. Er ist er. Unverwechselbar, ein Unikat. Kein trampelnder Älpler. Vielmehr ein Protagonist, der dem Trend unserer Zeit konsequent widersteht.

Meister auf dem Alphorn


Hitparade zum Schluss. Der Kukuruz wird verfeuert, die Hymne gegen Geldgier und Engstirnigkeit kracht wie Kanonendonner durch die Halle. "Brenna tuats guat" - und alle kennen den Text. Danach "Weit weit weg" und das ins Mikrofon gehauchte "Heast as net, wia die Zeit vogeht". Zum Finale noch ein paar Töne aus dem Alphorn.

Auch dabei entpuppt er sich als Meister. Dann geht Hubert von Goisern. Jede Nacht hat ihr Ende. Es ist, als würde man aus einem schönen Traum erwachen und müsste nicht wieder in eine Welt eintauchen, die tagtäglich musikalisch perfiden Unfug auf uns regnen lässt.
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