Humperdincks "Hänsel und Gretel" in Nürnberg als tiefenpsychologische Angststudie - Grauen ...
Hexen fliegen durch die Villa Wahnfried

"Hänsel und Gretel" in einer etwas anderen Kulisse als im Märchen der Brüder Grimm: Am Staatstheater Nürnberg ist das Spiel von Engelbert Humperdinck neu inszeniert worden. Bild: Kusch
Kultur BY
Bayern
06.11.2014
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Statt in einem ärmlichen Häuschen wohnen Hänsel und Gretel in der Bayreuther Villa Wahnfried. Die prächtige Kassettendecke und die übergroßen Fenster lassen dies jedenfalls vermuten. Trotzdem scheint es der Familie des Besenfabrikanten Peter während der Gründerzeit finanziell nicht gut zu gehen. Ein Gerichtsvollzieher sorgt dafür, dass Möbel, Schmuck sowie ein Ölbild von Wagner und Cosima abtransportiert werden. Den Kindern knurrt der Magen. Mutter und Dienstmädchen führen ein strenges Regiment - ganz nach den Regeln der damals üblichen "schwarzen Pädagogik". Kein Wunder, dass die Kinder in ihre eigene Welt flüchten, um der Bitternis zu entkommen.

Grusel im Kinderzimmer

15 Jahre ist es her, seit Humperdincks Märchenspiel "Hänsel und Gretel" in Nürnberg über die Bühne ging. Nun hat sie Regisseur Andreas Baesler neu inszeniert, als Kooperation mit dem Theater im südfranzösischen Toulouse. Gemeinsam mit Bühnenbildner Harald B. Thor und Kostümbildnerin Gabriele Heimann erschafft er das passende Ambiente für seine tiefenpsychologische Deutung. Die gruselige Geschichte spielt sich in einem Kinderzimmer ab. Dort fliegen Hexen als Licht-Schatten einer Laterna Magica über die Wände und ein geschmückter Weihnachtsbaum sowie ein Mini-Hexenhaus regen die kindliche Fantasie an.

Während sie, mit Puppe und Stoffbär in den Armen, selig träumen, öffnet sich die Decke über ihnen. Die Wände des Wohnzimmers bewegen sich zur Seite und geben den Blick auf einen Wald aus Weihnachtsbäumen frei. Puppe und Bär werden lebendig, das Taumännchen streut Glitzersand und Engel steigen herab, um den Schlaf der Kinder zu bewachen. Die Knusperhexe wird im dritten Akt den heimischen Kaminofen schüren, um sich ein köstliches Mahl zuzubereiten. Mächtig Dampf aus Nebelmaschine zieht auf, der sich ins Publikum ausbreitet. Untermalt von den düsteren Klängen der Staatsphilharmonie Nürnberg kommt das Grauen den Opernbesuchern ganz nahe.

Großes Lob gilt Guido Johannes Rumstadt, der seinem Orchester trotz großer Besetzung und laut tönendem Blech immer wieder innige und feinfühlige Töne entlockt. Nur selten müssen die Sänger gegen übermäßige Klangstürme ankämpfen. Vater, Mutter und Tochter (Jochen Kupfer, Ekaterina Godovanets und Michaela Maria Mayer) sind bereits Wagner-erprobt und meistern ihre Partien sicher und stimmgewandt.

Für Jung und Alt

Ein großartiges Debüt gibt an diesem Abend Silvia de La Muela, die sich in der Rolle des Hänsel als neues Ensemble-Mitglied präsentiert. Geboren in Madrid, aufgewachsen in Deutschland, kann man der Mezzosopranistin, die mit einer überaus modulationsfähigen Stimme aufwartet, schon jetzt eine große Zukunft wünschen.

Auch wenn Nürnbergs "Hänsel und Gretel" laut Baesler weniger Kinderoper als Oper über das Kindsein ist - sie verhext nicht nur Erwachsene mit zahlreichen zauberhaften und magischen Momenten.

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Weitere Informationen im Internet:

http://www.staatstheater-nuernberg.de
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