Interview mit Autorin Lea Singer
"Wir brauchen diese Reiche der Fantasie"

Die Autorin Lea Singer - neben der Büste des Dichters Heinrich Heine - befasst sich in ihrem aktuellsten Roman mit dem schwierigen Verhältnis zwischen Goethe und Caspar David Friedrich. Bild: Horst Ossinger/dpa
Kultur BY
Bayern
02.07.2015
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Vor 175 Jahren starb mit Caspar David Friedrich (1774 - 1840) einer der bedeutendsten Maler der deutschen Romantik. "Kreidefelsen auf Rügen" oder "Hünengrab im Schnee" gelten als seine bekanntesten Werke. Nur wenig weiß man hingegen über zwei kurzen Begegnungen zwischen Friedrich und Johann Wolfgang von Goethe.

Hier setzt der historische Roman von Lea Singer ein, die unterhaltsam und mit einer Fülle an kultur-historischem Wissen die höchst unterschiedlichen Charaktere vorstellt: den in die Jahre gekommenen Dichterfürsten der Weimarer Klassik, und Caspar David Friedrich, "junger Wilder" der beginnenden Romantik. Im Interview mit der Kulturredaktion erzählt die Autorin über ihren neues Buch "Anatomie der Wolken".

Frau Singer, wie ist das Wetter in München?

Lea Singer: Schwül und spannungsgeladen, es wird ein Gewitter geben. Hechtgraue Cumuluswolken.

Waren Sie schon immer ein Wolkengucker oder sind Sie es erst durch Ihren Roman "Anatomie der Wolken" geworden?

Singer: Ein Wolkengucker war ich, seit ich denken kann. Vielleicht habe ich deshalb dieses Buch geschrieben. Bleibe ich auf dem Viktualienmarkt beim Maibaum stehen und schaue in den Himmel, folgen manchmal andere Menschen meinen Blicken und schauen mit mir.

In Ihrem Roman stehen zwei sehr berühmte "Wolkengucker" im Mittelpunkt. Da wäre zum einen Dichterfürst Goethe. Mit welchen Augen, mit welchem Blick betrachtete er Anfang des 19. Jahrhunderts den Wolkenhimmel?

Singer: Für Goethe war der Himmel zu diesem Zeitpunkt ein Forschungsfeld geworden, das er beackern wollte. Die Naturwissenschaften hatten ihn schon in jungen Jahren fasziniert. Von der Anatomie bis zur Mineralogie. Er, der Sicherheiten in jeder Hinsicht liebte, wollte die Wolken klassifizieren, die Wettervorhersage verbessern und sich damit international Geltung verschaffen.

Und der junge Maler Caspar David Friedrich, Vertreter der aufkommenden romantischen Bewegung?

Singer: Der sah den Himmel mit den Augen eines gläubigen Künstlers. Dass wir den Verlauf der Wolken nicht fassen, nicht berechnen können, war für ihn Sinnbild des menschlichen Schicksals. Sie waren für ihn Meditationsobjekte der Wandelbarkeit.

Ihr Roman setzt ein im Jahr 1809, kurz bevor es zur ersten Begegnung zwischen den beiden kam. Keine gute Zeit für Goethe...

Singer: "Die Wahlverwandtschaften", der inhaltlich wie formal progressivste seiner Romane und für mich der größte, war bei Kritikern und Lesern durchgefallen. Seine Farbenlehre, in Goethes Augen bedeutender als alle seine anderen Werke, hatte ihn zum Gespött der Natururwissenschaftler gemacht. Mit Anfang sechzig, vergleichbar heute einem Mann von Mitte siebzig, litt er unter den Anzeichen des Altwerdens. Er hatte Übergewicht, Gicht, Bluthochdruck, Ärger mit den wenigen verbliebenen Zähnen. Er empfand Weimar, trotz hoher Geistesgrößendichte eben doch nur ein Kaff von um die 7000 Einwohnern, als eng, wollte aber gleichzeitig die Bequemlichkeit dort nicht aufgeben. Er verfasste peinliche Gefälligkeitsgedichte. Kurz gesagt, er steckte in jeder Hinsicht fest.

Eine für Goethe bedrückende Lebenslage und doch durchzieht das Buch ein humorvoller Erzählton, feinsinnig und mit vielen ironischen Spitzen. Vor allem was das Thema "Goethe und die Frauen" anbelangt...

Singer: Seine Christiane, immer nur erotisch und praktisch, als sinnliche Frau und perfekte Hausfrau für ihn von Interesse, war oft krank, was in Goethe kein Mitleid, nur Widerwillen erregte. Außerdem war sie dick geworden und neuerdings eifersüchtig. Junge Frauen, die ihn anschwärmten, schmeichelten seinem Ego. Junge, schöne noch mehr. Junge, schöne, intelligente besonders. Er wollte mit ihnen keinen Sex, aber er wollte, dass sie für ihn eine Option waren. "Wenn ich wollte, könnte ich...". Doch seit er 60 geworden war, heiratete eins nach dem anderen seiner vermeintlichen "Groupies".

War Goethe neidisch auf Caspar David Friedrich, den "Jungen Wilden"?

Singer: Friedrich, 25 Jahre jünger, erinnerte Goethe vor allem daran, dass er selbst auch mal ein anderer gewesen war. Einer, der für Ungebundenheit auf Bequemlichkeit verzichtete. Der auf Wanderungen durch Wind und Wetter ganz intensiv die Natur erlebt hatte. Ein in jeder Hinsicht beweglicher Mann. Friedrichs Freiheit machte ihm seine großbürgerliche Erstarrung bewusst.

Was erhoffte sich Goethe vom jungen Maler Friedrich?

Singer: Goethe wusste instinktsicher, wann ihm wer gut tat. Schiller, den er bei der ersten Begegnung so unausstehlich fand wie dieser ihn, wurde zum Freund, als Goethe in einer Krise steckte. Das tat seine befreiende Wirkung. Die erhoffte sich Goethe nun wieder. Er spürte wohl, dass dieser Maler aus einer anderen Welt, einer anderen Generation, ihm helfen konnte, zu neuen Ufern aufzubrechen.

"Neue Ufer", die fand Goethe in seinen Plänen einer systematischen "Wolkenlehre". Friedrich, der geniale Wolkenmaler, hätte Sie illustrieren sollen. Warum wehrte sich Friedrich so vehement dagegen?

Singer: Wolken hatten für Friedrich vieldeutig zu bleiben. Sie als Illustrator zu "entgeheimnissen", wäre für ihn einer Entweihung des Himmels gleich gekommen. Friedrich dachte wohl: Ein Mensch, der sich an den Wolken vergreift, kennt keine Hemmungen mehr, sich an der Natur zu vergehen. Vielleicht hatte das etwas Visionäres.

Inwiefern?

Singer: 1915, vor hundert Jahren, schickten deutsche Wolkenexperten eine tödliche Chlorgaswolke genau dorthin, wo man sie haben wollte: an den Ypernbogen, zu den französisch-kanadischen Stellungen. Und 30 Jahre später stieg die schrecklichste aller Wolken über Hiroshima auf.

Können Sie Friedrichs Angst vor der "Entweihung des Himmels" nachvollziehen?

Singer: Unser berechenbarer Alltag bietet Fantasie als ein Convenience-Produkt an. Mit einem Mouse-Click können wir uns alle virtuellen Welten beschaffen. Aber dabei geht die Einbildungskraft verloren, die wie jede Kraft trainiert werden muss. Wer mein Buch liest, wird wieder anfangen, jeden Tag in die Wolken zu schauen und dort seine Luftschlösser zu bauen. Wir brauchen diese Reiche der Fantasie.


Literatur

Biografien (Auswahl):

"Mein Geschöpf musst Du sein - Das Leben der Charlotte Schiller", Rowohlt, 2006.
"Chopin oder Die Sehnsucht", C. H. Beck, 2009.
"Emanuel Schikaneder. Der Mann für Mozart", C. H. Beck, 2012.
"Mozart - Genius und Eros", C. H. Beck, 2014.


Romane (Auswahl):

"Wahnsinns Liebe", Romanbiografie über Mathilde Schönberg. DVA, 2003.
"Das nackte Leben", Romanbiografie über Constanze Mozart. DVA, 2005.
"Konzert für die linke Hand", Romanbiografie über Paul Wittgenstein. Hoffmann und Campe, 2008.
"Der Opernheld", Hoffmann und Campe, 2011.
"Verdis letzte Versuchung", C.- Bertelsmann-Verlag, 2012.
"Anatomie der Wolken", Hoffmann und Campe, 2015.

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Im Bayerischen Fernsehen zeigt die Reihe "Lido" unter dem Titel "Mozart, Goethe und High Heels" ein Porträt über die Schriftstellerin Eva Gesine Baur. Sendetermin: Donnerstag, 2. Juli, von 22.30 bis 23.15 Uhr.
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