Interview mit Carl-Ludwig Reichert
Solange die Bypässe halten

"Ich sah die besten Köpfe meiner Generation zerstört vom Wahnsinn." Als der Beatnik-Dichter Allen Ginsberg (links), Autor des berühmten Gedichts "Howl", 1976 in München gastierte, da saß Carl-Ludwig Reichert (rechts) als gitarrespielender Sideman neben ihm auf der Bühne. Bild: Michael Koehler
Kultur BY
Bayern
17.06.2016
58
0

Carl-Ludwig Reichert wird 70 Jahre. Im Gespräch mit der Kulturredaktion zeigt sich der Radiomann, Sänger und Autor nachdenklich, aber auch unverändert kritisch und energetisch.

München. Vor einigen Wochen war im Radio auf Bayern 2 ein Porträt zu hören, das überschrieben war: "Böse bayerische Buben". Und gewidmet war es der Band "Sparifankal" und ihrem Kopf Carl-Ludwig Reichert. Der hat als Autor, Sänger und Rundfunkmann nicht nur die Großtat vollbracht, dem bayerischen Dialekt in die Schuhe zu helfen und dafür zu sorgen, dass man zu Rock und Pop in Mundart singen konnte. Reichert betätigte sich zeitlebens als Autor und Journalist als Aufklärer im besten Sinne - schrieb Bücher über Rockmusik und war als Radiomann beim Bayerischen Rundfunk eine Institution. Heute wird Carl-Ludwig Reichert 70 Jahre alt. Zum Anlass seines Geburtstags hat die Kulturredaktion mit ihm gesprochen.

Sie sind vor fünf Jahren in den Ruhestand getreten. Aber Ruhe wie auch Stehenbleiben - kaum vorstellbar bei einem Carl-Ludwig Reichert!

Carl-Ludwig Reichert: Stimmt. Es war eher zu viel. Zuerst kam eine Hunter-S.-Thompson-Übersetzung. Dann neue Songs aufgenommen. Dazwischen diverse Auftritte mit "Sparifankal 2", elektrisch, musikalisch wild und endlich wieder aufregend. Und absolut außer Konkurrenz und unter dem Kommerz-Radar, wie sich das gehört. Dann kam ein gesundheitlicher Zusammenbruch, das Herz war überfordert und zwang zu einer langen, nachdenklichen Pause. Danach ist die Musik leiser geworden, die Themen aber sind geblieben - in anderer Form. Und der Wirkungskreis hat sich verengt. Ich spiele mit meinen Freunden, oft im Zusammenhang mit Gaudiblatt-Aktivitäten. Und definitiv kein "Heimatsound". Nicht umsonst hieß schon das letzte Album von "Sparifankal 1" "dahoam is wo andas". Und das bestätigt sich momentan tagtäglich.

Vielen Radiohörern sind Sie noch als Moderator bei Bayern 2 in Erinnerung: In Wirklichkeit aber waren Sie ja immer viel weiter vernetzt ...

Ja, klar. Weder meine Bandkollegen noch ich wollten jemals nur Musik machen und von allem anderen keine Ahnung haben. Das wäre viel zu langweilig gewesen. Ich komme ja vom Schreiben her und von der Lyrik, die logischerweise bald zur Musik führte. Da gab es ja auch Vorbilder, insbesondere die beiden Österreicher H.C. Artmann und Konrad Bayer, dessen geniales "Glaubst, i bin bled?" am Anfang aller mundartlichen Songs steht. Und wir sind ja damals in den Medien angetreten, um Hörspiele zu machen, die so aufregend waren wie eine gute Rock-Platte. Da gab es auch Vorreiter. Meiner war Peter M. Ladiges, der meine erste Arbeit für den Südwestfunk annahm mit der trefflichen Begründung: "Das kann man nicht machen, also machen wir es."

Sie haben vor rund 50 Jahren als Medienmensch begonnen. Wie tiefgreifend haben Sie den Wandel erlebt?

Es gab im Gegensatz zu heute weniger Bedenkenträger und mehr Ermöglicher. Aber es waren auch noch ein paar Leute, außerhalb des Rundfunks: Mein erster Verleger Friedl Brehm, Herbert Feuerstein und Hans A. Nikel und die Satirezeitschrift "pardon", wo ich fast als Redakteur gelandet wäre. Aber wirklich nur fast. Ich pass' halt nicht in ein Büro, auch wenn es dort noch so lustig zugeht. Die größte mediale Sünde des 20. Jahrhunderts war die von Pseudo-Konservativen, in Wirklichkeit schändlichen Neo-Liberalen durchgesetzte Medien-Privatisierung.

Wäre Sie noch mal 20: Wie würden Sie sich heute ausdrücken?

70 ist kein so schlechtes Alter. Solang die Bypässe halten, sowieso. Nein, 20 möchte ich wirklich momentan nicht sein. Nicht mal drei, denn da fängt ja der Druck schon an und das Karriere-Denken der besorgten Eltern, die sich dann bald als besorgte Bürger entpuppen und ihrem eilig gefertigten Nachwuchs die Kindheit geklaut haben. Aber wenn ich doch in den Jungbrunnen fiele, würde ich (abgesehen von ein paar zwischenmenschlichen Fehlern, die mir leid tun), wenig anders machen wollen.

Wie sagte doch mein Freund, der Guru-Guru Bassist Uli Trepte so richtig: "Unten ist es am schönsten!" Musik würde ich also auf jeden Fall machen und bestimmt keine ausschließlich digitale. Ich bin kein Technik-Feind - mein erster Laptop hatte keine Festplatte, nur zwei Disketten und programmiert hab' ich ihn selbst, mit Basic - aber mir wird immer klarer, wenn ich den komprimierten Schmarren (man möchte eigentlich ein anderes "Sch"-Wort verwenden!) höre, der aus dem digitalen Radio kommt, dass der Computer eigentlich nur eine Simulations-Maschine ist, die kitschige und verlogene Abbilder von Kunst und Leben herstellt. Mir reichen sechs Saiten und ein digitales Stimm-Gerät. Das ist wirklich eine gute Erfindung!

Wer allerdings glaubt, der Reichert, der sei nur bei Themen der Popularkultur zu Hause, der hat sich geschnitten. Begonnen haben Sie ja eigentlich als Literat ...

Da ist auch viel dem sogenannten "Freiberuflertum" geschuldet. Ich war ja nie fest angestellt und wollte immer gern etwas probieren, was ich vorher noch nicht konnte. Singen zum Beispiel, oder Sachbücher schreiben, was mir überraschend viel Spaß gemacht hat. Es ist ja auch ganz einfach gewesen, da war ich schon privilegiert. Mein erster Verleger hat an der Tür geläutet und gefragt, ob er ein Buch von mir machen darf. Mein zweiter übrigens auch. Kaum waren die Bücher da, kam ein Telegramm vom Rundfunk. Nur der Plan, den meine Eltern und der Direktor vom Gymnasium ausgeheckt hatten, dass ich sein Nachfolger werden sollte, ging nicht auf. Da war der Albert von Schirnding vor, selbst Lyriker und der sagte: "Du musst deinen Karl mit C schreiben, das gehört sich für einen Dichter." Ich hab dann Altphilologie studiert und so Zeug, aber vor allem wegen der Freizeit 68...

Und ganz nebenbei verfügen Sie über eine ziemlich einzigartige Bibliothek ...

Ich liebe Bücher. Aus Büchern erfährt man, wie es ungefähr früher gewesen sein muss. Und ich wollte wissen, warum ich so geworden bin wie ich bin. Das hat teils familiäre Gründe, von denen ich aber erst als Erwachsener erfuhr und der Rest kam durch Lektüre: Oskar Maria Graf, Erich Mühsam, die ganzen Umstürzler der Räte-Republik von Eisner bis Rilke, die Schwabinger Boheme zuerst, inzwischen auch die vorrevolutionäre im Paris von 1770 an.

Manche Sachen finde ich, andere kommen von selbst zu mir, und all das und Theater und Film - ich bin ein großer Fan aller verfemten Kunst - all das inspiriert mich. Ich bin zwar nicht so religiös wie der große Bob, aber seine Aussage, Songs seien das einzige, woran er glaube, kann ich verstehen. Und bekanntlich liest auch er nicht wenig.

Das Private ist auch für den jetzt 70 Jahre alt werdenden Carl-Ludwig Reichert noch immer politisch?

Genau um die Aufhebung dieser Trennung ging es ja damals. Aber, wie meine gescheite Lebensgefährtin immer sagt: "Alles kommt, aber im Kapitalismus in der schlechtest möglichen Form." Anstatt eines Bürgergehalts kommen Ein-Euro-Jobs, für die man in Ein-Euro-Läden chinesischen Plastik-Schrott kaufen kann. Statt freier Liebe haben die Christdemokraten federführend die Medien bordellisiert. Statt einer Trennung von Kirche und Staat ... statt einer Lobby-Liste ... ich mag gar nicht mehr weitermachen ... sonst kann ich nur noch schimpfen, wie Melchior Meyrs Grobian.

Was tun? Die kleine Anarchie leben - den Freunden helfen wo es geht, gut leben, kein Arschloch sein, nicht bei Aldi und Lidl einkaufen, kein Auto haben, mit anderen Irren zusammen seit Jahren eine Hochglanz-Zeitschrift herausgeben - gerade ist Nr. 24 vom "Gaudiblatt" erschienen. Und die ganze 3000er-Auflage an die richtigen Leute in München verschenken. Mit wenig auskommen und trotzdem zufrieden sein und dankbar fürs Überleben und Leben in ziemlich bescheuerten Zeiten, aber mit der Hoffnung, dass es die Übernächsten besser machen, falls nicht, die jetzigen Superdeppen den Planeten doch noch unbewohnbar machen.

Ich pass' halt nicht in ein Büro, auch wenn es dort noch so lustig zugeht. Die größte mediale Sünde des 20. Jahrhunderts war die von Pseudo-Konservativen, in Wirklichkeit schändlichen Neo-Liberalen durchgesetzte Medien-Privatisierung.Carl-Ludwig Reichert
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.