Interview mit dem Autor Matthias Kneip
Wilder Westen ganz zahm

"Solus'" lässt das Herz von Gartenzwerg-Freunden höher schlagen. Mit seiner stattlichen Größe von 5,41 Metern gilt er als der größte Gartenzwerg der Welt und hat es damit ins Guinness-Buch der Rekorde geschafft.
Kultur BY
Bayern
08.07.2016
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Der Autor Matthias Kneip.

Sehenswürdigkeiten in Westpolen? Fehlanzeige. Zumindest auf den ersten Blick. Für sein neues Buch "Reise durch Westpolen" hat Autor Matthias Kneip einen zweiten gewagt.

Und tatsächlich gibt es im "Wilden Westen" so ziemlich alles: eine Stadt, die keine ist, Hobbits, die ein Dorf retten und den größten Gartenzwerg der Welt. In einem Interview beschreibt der Regensburger Schriftsteller mit deutsch-polnischen Wurzeln das Land von seiner spannenden Seite.

Wollen Sie Westpolen mit Ihrem Buch für Touristen attraktiver machen?

Matthias Kneip: Ich will damit zeigen, dass auch dieser Landesteil mehr ist als nur das ehemalige Ostdeutschland. Mit Westpolen kann auch niemand etwas anfangen, weil es kein eingeführter Begriff ist. Ein Gegenbeispiel: Sagen wir Ostbayern, meinen wir Regensburg. Aber Westpolen? Was verbinden die Leute damit? Nichts. Dementsprechend kurz fällt auch ihre Antwort aus. Also habe ich mich aufgemacht, um neue Seiten des westlichen Polens aufzustöbern.

Und, sind Sie fündig geworden?

Auf jeden Fall! Ich muss zugeben, dass ich viele vorher selbst nicht kannte und recherchieren musste. Dabei hätte ich niemals damit gerechnet, den größten Gartenzwerg der Welt ausgerechnet dort, in Nowa Sól, zu finden. Sicher ist es nicht für jeden wichtig, den einmal gesehen zu haben. Für mein Buch ist es mir aber auch nicht unbedingt darum gegangen, typische Sehenswürdigkeiten für Touristen zu finden.

Um was denn dann?

Mein Buch ist eher Landeskunde, verpackt in eine literarische Reportage. Ich wollte versuchen, zwischen Polen und Deutschland keine politische, sondern eine geografische Linie zu ziehen. Deshalb war ich auf der Suche nach Orten, die zur Geschichte des Landes gehören, seinen Charakter prägen und ihm ein Gesicht geben.

Glauben Sie, das ist gelungen?

Wie gesagt, ich wusste vorher selber nicht viel darüber. "Reise in Westpolen" ist der vierte Band einer Reihe und war für mich der schwerste. Umso größer war die Überraschung, auf einmal in Stettin vor dem ältesten Kino der Welt zu stehen. Genauso beeindruckt und gleichzeitig erschüttert war ich, als ich am Kamper See in Roggow stand: Im See liegt ein Flugzeug, das 1945 abstürzte und im Schlamm versunken war. 76 Kinder starben dabei. Die Maschine wurde bis heute noch nicht geborgen. So etwas wäre heute unvorstellbar.

Das spricht nicht gerade für Westpolen ...

Was da passiert ist, ist eine Tragödie, gehört aber nun mal zu seiner Geschichte dazu. Und um die soll es in meinem Buch ja gehen. Andererseits wollte ich zeigen, wie die Menschen dort miteinander umgehen. Da ist mir ein Erlebnis besonders im Gedächtnis geblieben: In Küstrin-Kietz lebt ein Mann, der einer Frau, die in Kostrzyn, also in Westpolen, lebt, jeden Monat eine Schachtel Pralinen bringt. Seit über 15 Jahren. Er spricht kein Polnisch, sie kein Deutsch. Das ist unglaublich wertvoll: Eine Freundschaft, die keine Worte braucht.

Hatten Sie für das Buch gezielt den Kontakt zu Menschen gesucht oder waren es Zufallsbegegnungen?

Zu 90 Prozent wollte ich Menschen aus der Gegend finden, die ich begleiten konnte. Oder die mich begleiteten. Ich wollte an ihrem Leben, an ihren Erfahrungen, der Kultur teilhaben. Ich wollte nicht nur sehen, sondern auch erleben: In Polkowice durfte ich mir ein Bergwerk von innen ansehen. 500 Meter unter der Erde Kohle, Salz oder Kupfer abzubauen, ist schon ein unglaubliches Erlebnis. Die ganze Reise besteht aus schwer wiederholbaren Erlebnissen. Aber darin liegt auch der eigentliche Reiz meines Buches.

Solche Menschen trifft man sicher nicht einfach auf der Straße.

Nein, und das hat das Ganze auch ziemlich schwierig gemacht. Dazu braucht man schon ein Netz aus Kontakten. Aber ich befasse mich seit über 20 Jahren mit diesem Land und kenne relativ viele Leute dort. Ein Freund von mir, der in Polen lebt, weiß zum Beispiel genau, welche Orte und Menschen ich für meine Geschichte brauche. Er hilft mir dabei, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Außerdem wurde ich mit dem "Medienorden der Republik Polen" ausgezeichnet, der mir viele Türen öffnet. Wer weiß, ob ich ohne ihn in das Bergwerk gekommen wäre.

In dem Vorwort Ihres Buches klingen Sie nicht so, als ob Sie ein Fan von Westpolen sind. Hat sich Ihr Blick auf den Landesteil nach der Reise verändert?

Wirklich, kommt das so rüber? So habe ich das gar nicht gemeint. Aber klar, jetzt fühle ich mich Westpolen näher. Ich reise seit vier Jahren durch Polen und entdecke immer noch weiße Flecken, die mich neugierig machen. In Westpolen habe ich eine Explosion erlebt, die ich anderen nicht vorenthalten will. Mit meinem Buch will ich die Leute neugierig machen.

Wie lange hat es bis zu dieser Explosion gedauert?

Die Reise selbst hat Zeit gekostet, etwa ein Jahr. Ich war einmal mehrere Wochen am Stück in Polen, ansonsten war ich immer wieder für Einzelbegegnungen dort. Bis das Buch fertiggeschrieben war, hat es nochmal eineinhalb Jahre gedauert. Meine Begeisterung für Westpolen war aber schon eher entfacht, ziemlich am Anfang. Und die ist mit jeder Sehenswürdigkeit gewachsen.

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Matthias Kneip: "Reise in Westpolen" (227 Seiten, 13,90 Euro, Verlag Lektora)

Zur PersonDr. Matthias Kneip wurde 1969 in Regensburg geboren und hat Germanistik, Ostslawistik und Politologie studiert. Seit 2000 arbeitet er als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Polen-Institut in Darmstadt, ist freier Schriftsteller, Publizist und Polen-Referent. Sein letztes Buch "111 Gründe, Polen zu lieben" erschien 2015. (esm)
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