Interview mit Kulturamtsleiter Reinhard Lorenz
"Ziel ist das klangliche Marbach"

Voller Stolz präsentiert Kulturamtsleiter Reinhard Lorenz Raritäten aus dem Benny-Goodman-Nachlass. Eine Klarinette des "King of Swing" befindet sich als Dauerleihgabe im Bachhaus Eisenach.
Kultur BY
Bayern
26.08.2016
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Reinhard Lorenz (Jahrgang 1952) ist seit 26 Jahren Kulturamtsleiter der Stadt Eisenach. Für Blues und Jazz begeistert er sich seit seinem 14 Lebensjahr. Durch seine Sammlerleidenschaft kam er auch mit Gleichgesinnten aus dem Westen in Kontakt. Als in Frankfurt am Main vor 40 Jahren Fritz Marschall den "German Blues Circle" ins Leben rief, wurde er Mitglied. Schon früh entwickelte sich die Vision von einem Archiv für Jazz und Popularmusik, die 1999 umgesetzt wurde.

Wie kamen Sie zum Jazz? Was war Ihr Schlüsselerlebnis?

Reinhard Lorenz: 1965 sagte mein Kunstlehrer, der zu den Gründungsmitgliedern des Jazzclub Eisenach gehörte: "Hast du schon mal was von Jazz gehört? Du fährst nächste Woche mit nach Erfurt!" So wurde mein erstes Live-Jazzerlebnis Louis Armstrong, der damals zu drei Konzerten im Osten gastierte.

Wie haben Sie sich musikalisch sozialisiert?

Unsere Generation wuchs mit Louis Armstrong und den Rolling Stones parallel auf. Ich hörte nachts im Radio frühen Jazz, aber auch die Stones. So hörte ich "Little Red Rooster" zuerst von den Stones und erst Jahre später das Original von Howlin' Wolf. Im Osten standen die Rolling Stones für Freiheit und Proteste, im Gegensatz zu den Beatles. Ihr Song "I'm free to do what I want" wurde zu unserem Motto.

Wie kam es zu Idee eines Musikarchivs?

Schon vor dem Mauerfall wurde mir bewusst, dass gesellschaftliche Entwicklungen im Osten und im Westen vergleichbar sind. Auch im Westen wurden Jugendliche wegen ihrer langen Haare diskriminiert. Mich interessierten schon immer zeitgeschichtliche Themen. Hinter jedem Song steckt mindestens eine Geschichte. Diese Geschichten und ihre Zusammenhänge wollen wir dokumentieren.

Wer besucht das Archiv?

Im Augenblick vermitteln wir Schulklassen erste Eindrücke über die Geschichte der Popmusik. Daneben kommen Musikwissenschaftler aus der ganzen Welt zu uns. So kam ein Professor der Universität Dakar, der hier Unterlagen zum Thema "Senegalesische Künstler, die in Europa tätig waren" suchte. Auch Martin Scorsese machte in Eisenach Recherchen für seine Blues-Dokumentarfilme.

Wie sehen Sie die Zukunft?

Wir sind dabei, die Bestände zu erfassen und zu strukturieren. Dazu brauchen wir einen Archivar mit musikgeschichtlichen Kenntnissen. Wir hoffen, dass wir 2017 eine feste Stelle bekommen. Im Neubau soll ein Archiv mit modernsten Bedingungen entstehen, dazu gehört auf circa 500 Quadratmeter eine Ausstellung zur Geschichte des Konzertbüros Lippmann+Rau. Wir wollen das klangliche Marbach werden, offen in alle Richtungen und ohne Schubladendenken.

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Literatur zum Thema: Michael Rauhut/Reinhard Lorenz (Herausgeber): "Ich hab den Blues schon etwas länger - Spuren einer Musik in Deutschland", 416 Seiten, 30 Euro, Verlag Ch. Links
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