Irokese setzt auf neuen Orgel-Sound

Cameron Carpenter ist ein Orgel-Revoluzzer, der nicht nur Zustimmung erntet. Seinen Tatendrang bremsen Kritiker jedoch nicht ein. Bild: hfz
Kultur BY
Bayern
01.04.2015
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Ist der Atheist Cameron Carpenter eine Chance für die Kirche? Der Organist bastelte sich sein eigenes Instrument, das sämtliche Orgelklänge vermischt. Mit seiner Erfindung gastiert er im Mai in Bayreuth.

Er ist bekannt als der Ausnahme-Organist und Orgel-Revolutionär mit dem Irokesenschnitt: Cameron Carpenter, der mit seiner International Touring Organ (ITO) am Samstag, 15. Mai, bei Musica Bayreuth in der Stadthalle zu erleben ist. Mit der Fertigstellung jener ITO, seines ersten eigenen Instrumentes, auf dem die Klänge verschiedener großer Orgeln gespeichert sind, ging für den 33-jährigen Amerikaner 2014 ein langgehegter Wunsch in Erfüllung.

Frei und unabhängig

Inspiration fand er nicht nur bei Kirchenorgeln, sondern auch bei Kaufhaus- und Kinoorgeln größerer Städte. Mit seiner International Touring Organ kann Carpenter nun die Botschaft verwirklichen, für die er seit jeher steht. Er möchte die Orgel in die Konzertsäle hineinholen und frei sowie unabhängig sein von den Orgeln in den Kirchen mit ihren besonderen Dispositionen und mechanischen Tücken. Und das ist er auch: Seinem fahrbaren Instrument kann er, abgesehen von mancherlei technischen Raffinessen, nahezu alle Klänge entlocken und das spielen, wonach ihm gerade der Sinn steht - Originalkompositionen oder Bearbeitungen fernab jeglicher Konventionen.

Doch ist es nicht gerade das, was die Königin der Instrumente für Organisten so reizvoll macht, sich immer wieder neu auf ein Instrument einzustellen und passende Stücke auszuwählen? Und was ist am klassisch ausgebildeten Orgel-Revolutionär Carpenter so faszinierend, während nur wenige Besucher den Weg in ein Orgelkonzert in der Kirche finden?

Diese Fragen stellte sich Clemens Lukas, musikalischer Leiter der Musica Bayreuth, gemeinsam mit drei Experten der Orgel-Szene in einem sogenannten Orgel-Gespräch: Christoph Krückl, Regionalkantor an der Schlosskirche Bayreuth, Michael Dorn, Dekanatskantor an der Bayreuther Stadtkirche und Viktor Lukas, Professor an der Musikhochschule Köln. "Man kann Carpenter technisch nicht hoch genug bewerten und es ist faszinierend, wie er vor allem Bearbeitungen zelebriert, aber er hat eben etwas Artistisches", sagt Krückl. "Wenn das hilft, die Orgel in die Köpfe der Leute zu bringen, soll es mir recht sein." Diese Einschätzung teilt Lukas: "Wenn irgendetwas unseren Kirchen vielleicht zugutekommt, dann sollte man es auch machen."

Paradiesvogel

Doch ob nach diesem Konzert tatsächlich mehr Menschen den Weg in traditionelle Orgelkonzerte finden, bleibe abzuwarten. Auch wenn Dorn ebenfalls keine Zweifel an der Virtuosität Carpenters und an der Faszination der Show hegt, so gibt er doch zu bedenken: "So faszinierend das mit seiner eigenen Orgel ist, so widerspricht es doch dem Wesen eines Organisten, sich immer wieder neu auf eine Orgel einzustellen und nie irgendwo ganz zu Hause zu sein."

Einig sind sich die Experten in jedem Fall, dass hinter dem bunten Paradiesvogel, der als Atheist eher eine wissenschaftliche Herangehensweise an die Orgel verfolgt, ein echter Könner steckt und dass das Publikum den Unterhaltungsfaktor braucht. Und genau den findet man manchmal in der Kirche - vor allem dann, wenn die Kantoren Krückl und Dorn bei einem Orgelkonzert gemeinsam Ravels Bolero spielen.
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