Jelineks Flüchtlingsstück „Die Schutzbefohlenen“ in Nürnberg mit wütender Wort-Wucht inszeniert
Das Boot erzittert vor Angst

Das Boot ist voll mit Wasserkanistern und "Schutzbefohlenen": Jelineks Flüchtlingsstück ruft auf zu mehr Respekt und Menschlichkeit. Biografie ist keine soziale Währung. Bild: Marion Bührle
Kultur BY
Bayern
25.02.2016
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Von Günter Kusch

Nürnberg. Um 450 v. Chr.: Die Töchter des Danaos fliehen aus ihrer Heimat Ägypten über das Meer an den Strand von Argos. Dort flehen sie den König Pelasgos um Schutz an, er möge sie nicht den Söhnen des Aigyptos ausliefern. Das Volk entscheidet, den Frauen Schutz zu gewähren. 2013 n. Chr.: Flüchtlinge suchen Asyl in Österreich und Zuflucht in der Votivkirche an der Wiener Ringstraße. Sie werden vertrieben. Februar 2016: Eine humanistische Utopie der Antike und die Realität treffen bei der Premiere im Nürnberger Schauspielhaus aufeinander. Elfriede Jelineks Stück "Die Schutzbefohlenen" verschränkt die Zeiten und drängt zur Entscheidung: "Das Boot zittert vor Angst ... es hat noch Luft ... da ist noch Luft drinnen, aber nicht mehr lang."

Nach Nicolas Stemanns Jelinek-Uraufführung in Mannheim diskutierte man, ob eine weiße Autorin und ein weißer Regisseur von der Flüchtlingsproblematik sprechen können und bildete einen Flüchtlingschor aus Mannheimern und Asylbewerbern. Michael Thalheimer setzte bei seiner österreichischen Erstaufführung am Burgtheater Wien dagegen auf mehrere belehrende Zeigefinger, die immer wieder in Richtung Publikum gehalten wurden, nach dem Motto: Ihr seid gemeint.

In Nürnberg dagegen lässt Regisseurin Bettina Bruinier die Bilder sprechen und handelt damit ganz im Sinne der Literaturnobelpreisträgerin. Leinwandgroße Videos zeigen Ströme von Flüchtenden in zitternden Booten, angstvolle Blicke, aber auch Gesichter, in denen sich die Hoffnung auf ein friedvolles Leben spiegelt.

Bühne wird zum Meer


Die Idee ist einfach und genial: Wütende Worte findet Jelinek als kritische Beobachterin der Massenmedien. Um diesen Zorn in Szene zu setzen, nutzt Bruinier die passenden Medien. Die Bühne von Mareile Krettek wird zum Meer, in dem Menschen versinken und aus dem sich eine Rettungsplattform erhebt mit unzähligen Plastikkanistern. In ihnen befindet sich gerade so viel Wasser, dass es zum Überleben reicht (oder auch nicht).

Sie werden aber auch rasch zu Mauern gestapelt, um das Elend fern zu halten. Selbst bei humorvollen Regie-Einfällen bleibt einem das Lachen im Hals stecken. Dass Helene Fischer, die aus Russland stammt, an einem Seil über der Misere schaukelt und ihren Hit trällert, macht "atemlos" klar, dass Migrationshintergrund zumindest im Showbusiness kein Hindernis darstellt. Die Frage des siebenköpfigen Sprechchors, "Was sagt Europa?", wird nicht beantwortet - zwei Minuten Schweigen und große Betroffenheit im Publikum.

Jelinekscher Zorn


"Keiner schaut gnädig herab auf unseren Zug, aber auf uns herabschauen tun sie schon", heißt es dann. Noch einmal wird Sprache zum Schlachtplatz Jelinekscher Zornausbrüche. Das Wasser, bei ihr eine Metapher der Angst, erhält in Nürnberg eine ermahnende Bedeutung. Abgefüllt aus den unzähligen Kanistern, eingeschenkt in Pappbechern, wird es den Zuschauern als ein paar Tropfen "Respekt" serviert. Achtung statt Ächtung, Anerkennung statt Aberkennung, so lautet das Gebot der Stunde.

Nach 100 Minuten sitzen die Schauspieler (Julia Bartolome, Mareile Blendl, Bettina Langehein, Frank Damerius, Thomas Nunner, Daniel Scholz und Philipp Weigand) auf leeren Kanistern. Das Theater aber füllt sich mit Applaus für die wütende Wort-Wucht und eine packende Inszenierung.
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