Keramik braucht die Welt

Die Wanderausstellung "Europäische Lebensart - Keramik vom Barock bis heute" zeigt im Prozellanikon Selb, wie verschieden Keramik in Design und Farbigkeit sein kann. Dieses ungewöhnliche Kaffee- und Tee-Set entstand um 1700 in England. Bilder: Kempf (3)
Kultur BY
Bayern
28.08.2015
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Was heute als "Coffee to go" in fantasielose Pappbecher gefüllt wird, inszenierte man im 18. Jahrhundert stilvoller - in Tassen aus Keramik. Eine Ausstellung im Porzellanikon Selb dokumentiert bis 15. November den Wandel von Geschirr und Vasen und deren Verwendung vom Barock bis heute.

Keramische Sammlungen aus neun europäischen Museen repräsentieren in der Ausstellung "Europäische Lebensart - Keramik vom Barock bis heute" die unterschiedlichen Stile in den Epochen. Exponate aus Deutschland, Estland, Großbritannien, Italien, Lettland, Serbien, Slowenien, Spanien und Tschechien zeigen, wie sich Geschmack, Trends und künstlerische Ausdrucksweisen im Laufe der Jahrhunderte verändert haben.

Anschaulich zeigt die Präsentation, wo man eigenständige Formsprachen und Deko-Vorlieben entwickelte, an welcher Stelle man sich gegenseitig beeinflusste, vielleicht auch manches Mal kopierte, aber auch, welche frühen Ideen noch heute aufgelegt oder weiterentwickelt werden. So gab es bereits im ausgehenden 18. und frühen 19. Jahrhundert kleine Tiere aus Porzellan, in deren Rücken Löcher eingebracht waren, in die man Zahnstocher stecken konnte.

Eine Idee, die auch im 20. Jahrhundert vielerorts aufgegriffen wurde. Bis heute findet man in modernen Varianten Untertassen, deren Fahne so breit ist, dass man bequem ein Gebäckstück, ein Brötchen oder "Fingerfood" ablegen kann. Keine neuzeitliche Idee, sondern vom 19. Jahrhundert weiterentwickelt bis heute ist eine italienische Majolika-Tasse mit Untertasse. Sie erlaubte es dem Genießer, während des Lustwandelns durch den Garten Kaffee zu trinken. Der tiefe Spiegel in der Untertasse verhinderte das Verrutschen der Tasse.

Kaffee als Statussymbol

Heiße exotische Getränke wie Kaffee, Tee und besonders Kakao waren im 18. Jahrhundert sehr populär. Sie entwickelten sich zu einem Statussymbol innerhalb der sozialen Eliten und führten zur Entstehung neuer Geschirrtypen. Die Ausstellung zeigt zugleich die Entwicklung über die Jahrhunderte hinweg wie auch die parallelen Veränderungen in den Ländern Europas. Die Entwicklungen waren von Beginn an sehr vielfältig. In Italien etwa war der Barock eine Zeit kontinuierlicher Veränderungen, neuer Formen und schlichterer Dekorationen. Tafelschmuck entstand in einer noch nie dagewesenen Pracht und Sets wurden im Einklang mit den neuesten Regeln von Funktionalität entwickelt.

Im barocken Spanien setzten sich bemalte Fliesen durch. Im 18. Jahrhundert richtete sich der Fokus auf Deutschland. Im Zentrum des Umbruchs, der sich in dieser Zeit vollzog, stand die Erfindung des Hartporzellans durch Johann Friedrich Böttger im Jahre 1708. Das 19. Jahrhundert war gekennzeichnet sowohl durch die Sehnsucht nach einem historisierenden und orientalischen Stil als auch durch die steigende Nachfrage nach Gemälden auf den Oberflächen.

Mit Beginn des 20. Jahrhunderts beflügelten internationale Ausstellungen die Verbreitung von universell anerkannten Stilrichtungen wie dem Jugendstil und dem Art Déco. Keramik wurde vielfältig genutzt - für Einrichtungsgegenstände, Wandverkleidungen, sogar für prächtige Paläste. Während der 1930er Jahre nahm die Nutzung von Keramik für bildhauerische Zwecke immer stärker zu. In allen Schulen für angewandte Kunst kommt es zu ersten Design-Entwicklungen. Keramik stellte dabei keine Ausnahme dar.

Fliesen für Bad und Küche

Im Europa der 1950er Jahre wurden vermehrt industriell gefertigte Fliesen verwendet, um Küche und Bad hygienischer zu gestalten. Keramiken durchdrangen zunehmend den Alltag in vielfältigen Anwendungen und zu wissenschaftlichen Zwecken. Heute wird Keramik auch in der Medizin genutzt. Die überwältigende Zahl von Nutzungsmöglichkeiten spiegelt die immense Formbarkeit des Materials wider.
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