Klar-Valentin-Abend bei "LuisenburgX-tra"
Humorist mit sadistischer Neigung

Luisenburg-Intendant Michael Lerchenberg (links) und Jost-H. Hecker brachten den Besuchern das Leben Karl Valentins näher. Bild: stg
Kultur BY
Bayern
23.07.2016
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Von Holger Stiegler

Wunsiedel. "An Emmentaler ham's scho oan, aber do hoaßt er anders, da hoaßt er Affentaler.": Lässt sich eigentlich über Dialoge und Sketche, die gefühlte tausendmal schon gehört oder gesehen wurden, noch immer lachen? Klares "Ja", wer am Donnerstag Michael Lerchenberg gleichzeitig in multifunktionaler Rolle als Vater, Bub, Ober und als Sprecher der Regieanweisung erlebt. "Der Firmling" lebt eindeutig - auch knapp 95 Jahre nach seiner Uraufführung durch Karl Valentin und Liesl Karlstadt im Münchner Germania-Brettl.

Hypochonder und Paranoiker


Es ist der komische, der witzige Karl Valentin, den die Zuhörer hier kennenlernen. Doch es gibt auch einen anderen Karl Valentin, einen, der nicht der große Sympathieträger ist, der einen gehörigen Hand zum Sadismus hat, der es als Hypochonder und Paranoiker seinen Mitmenschen extrem schwer macht. Diese ganzen Facetten des gebürtigen Müncheners stellen Luisenburg-Intendant Lerchenberg und Hecker in knapp zweieinhalb Stunden Bühnenprogramm vor: Es wird musiziert, gesungen, rezitiert, auch geschauspielert und vorgelesen.

Es ist auch Lerchenbergs Stimmen-Vielfalt und dessen Hineinversetzen in verschiedene Perspektiven, die den Abend zum Erfolg werden lässt: Da gibt es die Geschichten aus der Jugendzeit Valentins, der nach dem Tod der Geschwister zum "Kind mit Narrenfreiheit und mit Hang zum Sadismus" wird. Der anderen Kindern absichtlich Glasscherben vor die Füße streut, damit sich diese verletzen und er selbst dann Sanitäter spielen kann. Und der später im Garten eine eigene Guillotine stehen hat. "Sadismus ist sein Arbeitsprinzip", stellt Lerchenberg fest - eine Eigenschaft, an der später auch das Verhältnis zu Liesl Karlstadt leiden wird.

Der Durchbruch als Komiker kommt dann 1910 mit "Das Aquarium", auf Bühnen ist er ein gefragter Künstler, richtig Geld verdienen lässt sich besonders mit den "inoffiziellen" Programmen, in denen Valentin kaum eine Derbheit auslässt - zu hören in einer Parodie über ein Lied aus der Operette "Der Walzertraum", das von Jost-H. Hecker spielerisch, gesanglich und mimisch auf hervorragende Weise dargeboten wird. Nicht weniger Szenenapplaus gibt es für die vorgetragene Rezeptur für den "Russischen Salat", eine Einlage, die einem Geschwindigkeits-Wettbewerb zwischen Cello und Metronom (das von Lerchenberg mit diabolischem Grinsen gehalten wird) gleicht. Viele weitere Valentin-Originale, die vorgetragen werden, prägen den Abend

Ein "Frauenheld"


Auch wenn man es sich optisch nur schwer vorstellen kann, gilt Valentin als "Frauenheld" mit einem Faible für üppig gebaute Frauen, neben der eigenen Ehefrau hat er meist diverse Liebschaften am Laufen. Annemarie Fischer, Valentins spätere (Bühnen-) Partnerin, charakterisiert ihn als "Naturereignis in jeder Beziehung", der Spaß an der Sache gehabt habe. Die Ehe, so Lerchenberg, für den Komiker ein "ständiges Drama" gewesen - was sich niederschlägt in Werken wie ""Die Semmelknödel" oder "Der Theaterbesuch".

Großen Raum im Leben Valentins - und damit auch auf der Bühne - nimmt Liesl Karlstadt ein. Lange Zeit, so Lerchenberg, ist Karl Valentin "monologisch gefangen", erst mit einer Bühnenpartnerin wie Liesl Karlstadt wird er daraus befreit. Die 20er Jahre sind ihre gemeinsame Blütezeit, Karlstadt ist eine Meisterin im Schnellsprechen und hat ein ungeheures Talent, sich zu verwandeln. Mit dem Jahr 1930 geht es bergab, die Launen Valentins werden unerträglicher, es kommt zur Katastrophe, als sich Karlstadt 1935 in der Isar ertränken will und viele Jahre unter schweren Depressionen leidet.

Ratzinger am Grab


Richtig zusammenfinden die beiden nicht mehr, Karl Valentin verstummt in den Kriegsjahren de facto. Als Valentin am Aschermittwoch 1948 in Planegg begraben wird, stehen an seinem Grab nicht nur der bayerische Volkssänger Weiß Ferdl, sondern auch der junge Theologiestudent Joseph Ratzinger. Viel Applaus für Lerchenberg und Hecker, die sich mit einer fulminanten Zugabe - irgendwo angesiedelt zwischen Gstanzl und Dadaismus angesiedelt - verabschieden.
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