Königlicher Klang
Besuch bei den ältesten Orgeln der Oberpfalz

Die Orgel in Ensdorf kann nicht nur klingen. Als Zugabe erzählt sie auf den Flügeltüren vier biblische Bildgeschichten. Links: König David spielt die Harfe zum Lobe Gottes. Rechts: Saul bedroht David mit dem Schwert.
Kultur BY
Bayern
22.01.2016
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An den Sommersonntagen veranstaltet Prof. Norbert Düchtel in der Regensburger Minoritenkirche Matineen unter Einbezug der ältesten Orgel der Oberpfalz. Bilder: Donhauser (4)

Unsere Kulturlandschaft wäre arm ohne Zeugnisse vergangener Zeiten. Dokumente, Literatur, Architektur, Kunst und Musik lassen besser verstehen, wo unser Ort in unserer Geschichte, in der Entwicklung der Menschheit ist. Hier soll es um Instrumente gehen, um drei Orgeln, um drei Königinnen der Instrumente.

Von Peter Donhauser

Ihr Geburtsdatum liegt vor 1700 und sie sind die ältesten Orgeln in der Oberpfalz. Sie zeigen das beachtliche Niveau der damaligen Handwerkskunst und lassen Klänge ertönen, wie sie unsere Vorfahren schon vor über 350 Jahren gehört und geschätzt haben. Ihre Erbauer waren hervorragende Konstrukteure und Feinmechaniker. Sie beherrschten ihre Kunstgewerke mit Holz und Metall. Gemeinsam ist den drei Instrumenten das Bauprinzip der mechanischen Schleiflade: Von jeder der 45-50 Manualtasten führt eine mechanische Traktur aus Holzabstrakten und Wellen zum Ventil einer der ebenfalls 45-50 Tonkanzellen. Dieses Bauprinzip dominierte den Orgelbau bis Ende des 19. Jahrhunderts.

St. Quirin, 1692


Nicht oft überdauern Kirchenorgeln eine derart lange Zeitspanne wie das edle Instrument in St. Quirin bei Püchersreuth (Kreis Neustadt/WN). In bedeutenden Kirchen, in reichen Klöstern war man gerne up-to-date. Die gespielte Kirchenmusik war "zeitgenössisch" und verlangte aktuelle Instrumente. Deswegen hat man die Orgeln einem sich ändernden Geschmack angepasst oder sie durch Neubauten ersetzt. In St. Quirin baute man nur behutsam um, es sind sechs der acht Register im Original überkommen, spätere Zubauten wurden 1975 wieder entfernt.

Die präzise und leicht zu spielende "hängende" Traktur mit einarmigen Tastenhebeln funktioniert so gut wie vor 324 Jahren. Das prachtvolle Prospekt in Schwarz und Gold mit den fünf rechteckigen Feldern besitzt drei Türme, der mittlere ist überhöht. Die mittleren Pfeifen jeden Feldes sind aufwendig fein ziseliert. Auch in Gold lesen wir den Auftrag der Orgel: "Ehre sei Gott in der Höhe" und in römischen Ziffern die Jahreszahl 1692.

Die Orgel wurde anscheinend von Ferdinand August von Lobkowitz gestiftet, der enge Beziehungen zu Böhmen hatte. Ein Vergleich mit dem erhaltenen Prospekt der Orgel in Mariä Himmelfahrt/Pfreimd (1690) und mit einem Entwurf für den Eixlberg (1701) lassen auf den böhmischen Orgelbauer Franz Michael Kannhäuser aus Sokolov (Falkenau) schließen. Der introvertierte, aber sehr suggestive Klang des Instruments übt eine große Faszination aus. Der Kannhäuserin wäre eine Restaurierung aufgrund neuester Erkenntnisse über den böhmischen Orgelbau zu wünschen, die sich seit der Grenzöffnung 1989 angesammelt haben.

Ensdorf/Eggenberg, 1645


Genaueres wissen wir über dieses Positiv - das ist eine leicht versetzbare Kleinorgel ohne Pedal: 1645 hat es der Nürnberger Orgelmacher Nicolaus Manderscheidt (1580-1662) erbaut. Die Grundlage der Erkenntnisse sind in diesem Kontext immer noch die Forschungen des einstigen Sulzbacher Kirchenmusikdirektors Jürgen-Peter Schindler. Um 1720 wurde es von "Elias Hesler orglmacher Zu Lauf" repariert und an das Kloster Ensdorf (Kreis Amberg-Sulzbach) verkauft. Manderscheidt hatte einen hervorragenden Ruf: Zu seinem 75. Geburtstag erschien 1654 sogar der abgebildete Kupferstich von Georg Walch. Das Instrument hat bedauerlicherweise viele Schäden erleiden müssen: Sein Pfeifenwerk ging größtenteils verloren und musste durch Vergleiche mit anderen Instrumenten Manderscheidts ergänzt oder rekonstruiert werden (zuletzt 1990 von Helmut Balk/Greifenberg).

Immerhin sind die Bauweise der fünf Register und ihre Stimmtonhöhe bekannt. Die 45 Tonkanzellen stehen für die "kurze Bassoktave" ohne die Töne Cis und Dis. Die sich scharnierartig öffnenden "Froschmaulbälge" waren ursprünglich nicht im Fuss des Gehäuses untergebracht, sondern liegend auf dessen Dach. Wie bei anderen Positiven dieses Orgelbauers finden wir ein Schnarrwerk, ein Regal 8'. Das ist ein Register mit schwingenden Metallzungen und sehr kurzen Schallbechern, zu sehen direkt oberhalb der Klaviatur.

Minoritenkirche, 1627


Das älteste Instrument der Oberpfalz von Stephan Cuntz fand durch glückliche Umstände in den Besitz des Stadtmuseums. 2015 wurde es unter der hochmotivierten Federführung von Prof. Norbert Düchtel von der renommierten Firma Hermann Eule Orgelbau aus Bautzen mit akribischer Sorgfalt restauriert und im Juni der Öffentlichkeit wieder vorgestellt. Es beweist eindrucksvoll den damals in ganz Europa glänzenden Ruf Nürnberger Ingenieurs- und Kunsthandwerkskunst. Stephan Cuntz (1565-1629) ist vermutlich Sohn einer Regensburger Instrumentenbauerfamilie, lernte aber in Nürnberg.

Sieben Instrumente aus seiner Hand sind erhalten, sie stehen (geordnet nach Erbauungszeit) heute in Salzburg, Stary Sacz/Krakau, New York, Dinkelsbühl, Leipzig, Berlin und eben in Regensburg. Wie von seinem Schüler Manderscheidt ist ein Bild überkommen: Auf der Bemalung eines Spinettdeckels von 1619 für Behaim von Schwartzbach ist er mit Orgelpfeife in der Hand zu sehen. Das Instrument wurde wohl für eine wohlhabende Patrizierfamilie in Nürnberg gebaut. Auf unbekanntem Weg gelangte es in die Pfarrkirche St. Willibald in Traunfeld bei Altdorf.

1929 erwarben es die städtischen Sammlungen in Regensburg. Bei der Cuntz-Orgel ist ein Großteil des Pfeifenwerks erhalten, allerdings wurde das Regal 8' im Jahr 1977 nach unbekanntem Vorbild neu gefertigt. Die Traktur und die kunstvoll gearbeiteten Windladen sind original. Eine Besonderheit ist neben der kurzen die gebrochene Oktave mit geteilten Obertasten jeweils für die Halbtonschritte dis und es. Winddruck, Stimmung und Intonation wurden aufwendig rekonstruiert.

Mit bewundernswerter geradezu detektivischer Detailarbeit (über 20 verschiedene Gewerke!) wurden Schreiner-, Schnitzer-, Schlosser- und Malerarbeiten durchgeführt. Sie lohnten sich: Bei der ersten Vorstellung war der farbige, warme Klang des Instruments berührend und überwältigend. Auch diese Königin der Instrumente regiert nicht mit Donnerhall, sondern mit feinsinniger Sensibilität.
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