Krebs-Drama "Heute bin ich blond" als emotionsarme Inszenierung in den Nürnberger Kammerspielen
Mit der Krankheit heillos überfordert

Martin (Christian Taubenheim) kümmert sich einfühlsam um Sophie (Henriette Schmidt), deren Diagnose Krebs ihr gesamtes Leben über den Haufen wirft. Bild: Marion Bührle
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Bayern
22.12.2014
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Es ist Silvester, Partystimmung, aber keiner tanzt. Die üblichen Vorsätze für das nächste Jahr werden gefasst: Endlich mal so richtig durchstarten, eine Hochzeit, Kinder. Doch irgendwie kommt keine Stimmung auf. Selbst die Raketen und Böller müssen die vier jungen Leute über ihre Mikrofone geräuschvoll selbst "zünden". Mächtige Wände aus Lautsprecher-Boxen türmen sich hinter ihnen auf. Wie eine undurchdringliche Mauer aus Technik. Doch wer nun mit einem echten Klanggewitter rechnet, bleibt im Trockenen stehen.

Geringe Chance

Der Donnerschlag folgt, als Sophie (Henriette Schmidt) wegen ihres Hustens zum Arzt geht. Seine Diagnose: Krebs. Ihre Überlebenschance: eher gering. Von einem auf den anderen Tag ist alles anders. Freundin Annabel (Julia Bartoleme) meint es zwar gut, wenn sie eine Menge Bio-Gemüse heranschleppt und Gesundheitstipps parat hält. Doch letztlich ist sie, ebenso wie all die anderen Gesunden hilflos und mit der Krankheit heillos überfordert. Das Krebs-Drama "Heute bin ich blond" beruht auf der Autobiografie von Sophie van der Stap und wurde von dem bekannten Autor und Dramaturgen John von Düffel für die Bühne bearbeitet. Regisseur Karsten Dahlem, der erstmals am Staatstheater Nürnberg inszeniert, verwandelt es in ein stilles, lebenskluges, aber auch recht emotionsarmes Stück.

Vieles kommt in Dahlems Version zu kurz: Die Gefühlswelt einer Studentin, die bisher alles mitnahm, was das Leben bot und nun durch die Diagnose Krebs mit der eigenen Sterblichkeit konfrontiert wird, wird nicht besonders ausgelotet. Bloß nicht zu pathetisch, auf keinen Fall auf Tränendrüsen drücken, so scheint das Motto zu lauten. Doch: Reagieren heutzutage nicht die meisten genau so, wenn sie mit dem Thema Tod konfrontiert werden? Was wäre das für ein Theater, das an dieser Stelle eine befreiende Gegenposition anbahnt und ermutigt, über einen natürlichen Umgang mit dem Sterben nachzudenken? Da gehören Tränen, Wut, Schreien, miteinander reden oder "einfach" nur schweigen doch dazu.

Auch von dem genialen Gedanken, dass sich die 21-Jährige mehrere Perücken zulegt, um für jede Stimmungslage in eine neue Rolle schlüpfen zu können, weil sie ihre eigene noch nicht gefunden hat, ist nichts mehr zu erkennen. Kein Trotz, der gegen die Krankheit aufbäumt und dazu führt, sich um so mehr ins pralle Leben zu stürzen. Sophies Freund Martin, der sich im Roman von ihrem Identitäten-Wirrwarr überfordert fühlt und sich zurückzieht, bleibt hier nur noch ein galanter, aber blasser Begleiter.

Tiefe im Geschehen

Immerhin: Der mediale Einfall, eine Art Aquarium aufzustellen, in dem verschiedenfarbige Flüssigkeiten vor sich hin wabern, sorgt tatsächlich für Gänsehaut. Mit Videokamera wird das Blubbern auf die Leinwand übertragen, um den furchteinflößenden Cocktail der Chemotherapie in Szene zu setzen. Auch die Einblendung von Kurzinterviews unter Nürnberger Passanten, bringt etwas Tiefe ins Geschehen.

Die Frage "Was würden Sie tun, wenn Sie die Diagnose Krebs erhielten?" führt zu verblüffenden Antworten. Die etwas langatmigen Statements eines Onkologen, eines Seelsorgers und einer Psychotherapeutin zeigen dann wiederum die Schwäche der Regie. Nicht die Profis beschreiben das Leben, sondern die Menschen, die darin die Hauptrolle spielen.
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