Kunst für Blinde
„Kunst trotz(t) Handicap“

Die Kreativität von Künstlern mit Handicap kennt keine Grenzen, wie die Werke "Gedankenhüter" (links), "Rafinelli" (Mitte) und die bunte Freiheitsstatue zeigen. Bilder: Daniel Wagner/Diakonisches Werk Bayern (3)
Kultur BY
Bayern
13.07.2016
48
0

Ein Gemälde zu begreifen, ohne es zu sehen, ist für die meisten Menschen nicht vorstellbar. Doch auch blinde und sehbehinderte Menschen wollen und können Kunst erfahren. Eine Führung in Nürnberg zeigt das.

Nürnberg. Mit beiden Händen berührt Karin Flößer die Holzskulptur, ertastet deren Oberfläche, klopft dagegen, um zu hören, wie massiv das Holz ist. Die kleinen Löcher und die dunkle Färbung, die Würmer, Witterung und Jahrhunderte dem Stück zugefügt haben, kann sie nicht sehen. Durch eine Rheuma-Erkrankung wurde ihr Sehvermögen immer schlechter, seit 13 Jahren ist die 53-Jährige aus Nürnberg blind.

Auf Ausstellungsbesuche deshalb zu verzichten, kommt für Flößer nicht infrage: "Dass man nicht sieht, heißt nicht, dass man mit Kunst nichts mehr zu tun hat." Mit Pudel Pequenita und einer Gruppe Kunstinteressierter lässt sich Flößer durch die Nürnberger Egidienkirche führen. Dort ist die Wanderausstellung "Kunst trotz(t) Handicap", die sich mit dem Thema Inklusion beschäftigt, nicht nur zu sehen, sondern auch zu fühlen. Es ist eine besondere Führung, die die evangelische Blinden- und Sehbehindertenseelsorge Bayern organisiert hat. Denn wie kann man Skulpturen oder Gemälde für Menschen erfahrbar machen, die nicht sehen?

Kunst erfühlen


Das ist die Aufgabe von Philipp Schramm und Claudia Böhme, zwei Historikern und Spezialisten für inklusive Kunstvermittlung. "Bei Kunst geht es nicht nur ums Sehen. Das sollten sich auch die bewusstmachen, die sehen können", betont Böhme. Ihre inklusive Führung besteht nicht nur aus ausführlichen Geschichten zu Kunstwerken und ihren Schöpfern. "Die Besucher sollen auch etwas über die Architektur erfahren, die sie und das Bildwerk umgibt", erklärt Schramm, der zu Beginn der Führung Mappen mit Tastkopien austeilt.

Auf einem Blatt sind die Umrisse der Egidienkirche zu sehen. Die Linien fühlen sich samtig an und sind erhaben. Auch Gemälde werden auf diese Weise nachempfunden. Wer Bilder nicht sehen kann, kann sie damit fühlen.

Karin Flößer fährt mit ihren Fingern über die Tastkopie eines Gemäldes von Alexej von Jawlensky. Es zeigt ein Gesicht, das aus ein paar Strichen besteht. Der Maler, Mitglied der Künstlergruppe "Blauer Reiter" und Kollege von Wassily Kandinsky, litt unter einer Lähmung der Malerhand und konnte im fortgeschrittenen Stadium seiner Krankheit nur noch mit einfachen Pinselzügen arbeiten.

Auch er war betroffen von einer Behinderung - wie die meisten der Künstler, deren Werke für die Ausstellung ausgewählt wurden. Darunter auch die Bronze-Büsten des taubblinden Künstlers Hans-Jürgen Heinze aus Lobetal bei Berlin. Zu erkennen sind seine Objekte an den großen Ohren. "Outsider Art" wird die Kunst von Menschen mit Handicap oder seelischer Krankheit genannt. "Der Kunstmarkt giert momentan nach diesem Phänomen", meint Schramm.

Keine Randgruppe


Künstler mit Behinderung als Außenseiter zu bezeichnen, sei für ihn nicht unbedingt ein Widerspruch zum Inklusionsgedanken: "Ich hoffe, dass auf diese Weise Außenseiter in der Gesellschaft und in der Kunst mehr in den Fokus rücken und man sich mehr Gedanken macht, wie man Brücken bauen kann."

Die Ausstellung der Diakonie Deutschland läuft bis Donnerstag, 14. Juli (10 bis 18 Uhr), im Haus Eckstein (Burgstraße 1-3). Außerdem ist sie von Montag bis Freitag (9 bis 20 Uhr) und Samstag (9 bis 12 Uhr) sowie im Diakonischen Werk (Pirckheimer Straße 6) von Montag bis Freitag (9 bis 12 Uhr) und Montag bis Donnerstag (13.30 bis 16 Uhr) zu sehen.

___



Weitere Informationen:

www.kunst-trotzt-handicap.de

Der Kunstmarkt giert momentan nach diesem Phänomen.Historiker Philipp Schramm
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.