„Les Indes galantes“ bejubelt
„Mit der Liebe kehrt der Frieden zurück“

Putzende Tänzer werden zum gesellschaftkritischen Leitmotiv Probleme wegzufegen, hier Lisette Oroposa (Hébe, Zima) und John Moore (Adario). Bild: Winfried Hösl
Kultur BY
Bayern
28.07.2016
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Von Michaela Schabel

München. Das Beste zusammenführen ist ein besonderes Geschick Nikolaus Bachlers, Intendant der Münchner Staatsoper. Das ist notwendig, um Rameaus vergessene französische Ballettoper " Les Indes galantes" (1735) wiederzubeleben. Das Werk hat seine Längen, es doch in vier üppigen Szenen viermal das Gleiche beweisen. "Mit der Liebe kehrt der Frieden zurück". Eine wunderbare Vision, die bestens in unsere düstere Zeit passt.

Tänzerische Grazie


Mitreißend ist das Dirigat Ivor Boltons, Spezialist für Barockmusik. Ihn in seiner mimischen und körperlichen Expression zu beobachten, begeistert. Unter seiner Leitung spielt das Münchner Festspielorchester, mit hochkarätigen Meistern alter Instrumente besetzt, differenziert, dynamisch, voll tänzerischer Grazie. Bolton weiß alle Facetten hervorzuzaubern und in der x-ten Wiederholung noch eine Überraschung zu entdecken. Nicht minder besticht das Sängerensemble inklusive dem Balthasar-Neumann-Chor aus Freiburg durch harmonische Klangschönheit. Ana Quintans (Zaire, L'Amour) und Lisette Oropesa (Hébé, Zima) begeistern mit glanzvollen Koloraturen, kraftvollem Volumen und schauspielerischem Charme. Bei Anna Prohaska (Phani, Fatime) kommt noch das tänzerische Talent dazu. Ausgewogen besetzt sind die männlichen Rollen, Francois Lis (Huascar, Alvar) brilliert in der Tiefe. Regisseur und Choreograph Sidi Larbi Cherkaouis holt die verstaubte Barockexotik zwischen Osmanischen Reich, Peru, Indien und Neuer Welt zunehmend in die Gegenwart religiöser Unterdrückung und globaler Flüchtlingsströme, gespickt mit witzige Karikaturen und erfrischenden Pointen, und entwickelt die Szenerie als tänzerische Performance.

Sehr modern, mit nicht endenden Drehungen, extremen Dehnungen, Körperdiagonalen, wuchtigen Armbewegungen, Breakdance- und Kampftanzelementen gibt seine "Compagnie Eastman" Rameaus Musik einen rhythmischen Drive, der die Monotonie barocker Musikstrukturen aufpeppt. Umwerfend tanzt sein internationales Tanzensemble. Großartig integriert er Chor und Sängersolisten zu fulminanten Massenszenen.

Trotzdem nutzen sich die Bewegungen in den Wiederholungsstrukturen ab, degradieren zu reinen Illustrationen und ästhetischen Effekthaschereien barocker Lebenslust. Die Inszenierung plätschert dahin, ohne wirklich unter die Haut zu gehen. Auch wenn das tänzerische Wegputzen als ironisches Leitmotiv immer wieder kritische Denkanstöße gibt, fährt die Inszenierung nach einem opulenten Ideen-Feuerwerk zusammen mit den Soldaten und Adrio (John Moore) auf Hoverboards schlussendlich in die Happy-End-Spaßecke.

Fahne der Hoffnung


Anna Viebrock reduziert die Bühne auf ein multifunktionales Palastzimmer mit abblätternder Patina, wo sich in fahrbaren Vitrinen das Geschehen als ironisch museale Idylle ironisiert und in choreographischen Mustern zusätzlich dynamisiert. Doch am Schluss wird pantomimisch alles klar geputzt. Im Hintergrund weht - sehr verloren - die blaue Fahne der Hoffnung ohne Stars and Stripes als schmächtiges Fähnlein der Wiedervereinigung aller Menschen.

Zwei Tage nach dem Münchner Attentat ist sie weiter weg denn je - die Kluft zwischen überbordender Spiellust und gesellschaftspolitischer Realität extrem krass.
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