Lyrischer "Revoluzzer"

Konstantin Wecker wie er leibt und lebt: Drei Stunden lang zog er mit seiner Band auf der Luisenburg die Zuhörer in seinen Bann. Bild: Stiegler
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Bayern
29.07.2015
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Er ist Poet, Wutbürger und Idealist. Mit nun 68 Jahren ist er zwar etwas leiser geworden, aber keinen Deut weniger politisch. Am Montagabend begeistern Konstantin Wecker und seine geniale dreiköpfige Band auf der Luisenburg.

Die Träume gehen ihm nicht aus. Und auch nicht die Visionen. "Wer keine Visionen hat, sollte zum Arzt gehen", deutet Konstantin Wecker einen Ausspruch Helmut Schmidts um. "Ich hab einen Traum, wir öffnen die Grenzen und lassen alle herein, alle, die fliehen vor Hunger und Mord, und wir lassen keinen allein", singt Wecker. Er bleibt Optimist, hofft auf die grenzenlose Welt, in der er so gerne leben würde. Die Realität verliert Wecker aber nicht aus den Augen - das hat er früher nicht getan und das geschieht auch heute nicht. Lieder, die zum Teil mehrere Jahrzehnte alt sind, könnte er auch heute schreiben.

So besingt er die "feine Gesellschaft", die am Rande des Abgrunds und am Ruder steht und als erstes das sinkende Schiff verlässt. Oder Menschen wie die Geschwister Scholl, die unbequem, aufrecht und wahrhaftig sind ("Es geht ums Tun und nichts ums Siegen!"). Oder auch "Genug ist nicht genug", das fälschlicherweise von Berufsgruppen wie Bankern und Spekulanten auch heute noch als Motivation für das tägliche Treiben interpretiert wird.

Ein kluger Kopf

"Meine Lieder waren immer klüger als ich", erzählt Wecker den Zuhörern - zumindest mit Blick auf seine mehrmaligen Kokain-Intermezzi mag man ihm hier nicht widersprechen. Und dennoch: Wecker ist ein kluger Kopf, auch wenn seine Zuhörerschaft nicht, wie er kokettiert, zu 90 Prozent aus Lehrerinnen besteht. Er stimmt nicht ins Griechenland-"Bashing" ein ("Das Land ist in beispielloser Weise kolonialisiert worden"), sondern intoniert einen Sirtaki, er setzt musikalisch ein Zeichen gegen Mitläufertum ("Einen braucht der Mensch zum Treten") und gibt dem alten deutschen Volkslied "Die Gedanken sind frei" eine neue Wendung - gegen Gedankenpolizei, NSA, Google und Monsanto.

Drei geniale Bandmitglieder hat Wecker auf der Luisenburg dabei: die hinreißende Cellistin Fany Kammerlander, Jo Barnikel, der Wecker seit 25 Jahren begleitet und nebenher noch wechselweise Gitarre, Akkordeon, Schlagzeug oder Trompete spielt, sowie Wolfgang Gleixner (ja, genau der von "Haindling", der erst eine Woche zuvor auf der Luisenburg war) am Schlagzeug sitzt, aber schon auch einmal die Tuba auspackt und zur Gitarre greift. Besonders bei "Wenn der Sommer nicht mehr weit ist", einem der vielen Liebeslieder des Abends, kommt das Zusammenspiel des Quartetts in Vollendung zum Tragen.

Geschichten aus dem Leben

Wecker singt natürlich in erster Linie, aber er plaudert auch aus seinem Leben: Geschichten über die 68er und seine musikalischen Anfänge in einer Schwulenbar, über Trotzkisten und über die Friedensbewegung - allesamt auch mit einer gehörigen Prise Humor und Eigenironie. Seinen "Revoluzzer" stimmt er zwar nicht an, aber geblieben ist er so einer mit seiner klaren Kante gegen Rassismus und für Gerechtigkeit - und all das herrlich eingebettet in poetisch-lyrische Formulierungen, in melancholische, aber auch jazzige Melodien. Von seiner Mutter hat Wecker eine Lebensweisheit mit auf den Weg bekommen: "Eine Idee verkauft man nicht!" Dem ist sich der Liedermacher auch im 69. Lebensjahr treu.
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