Meister des "empfindsamen Stils"

Zum 300. Geburtstag von Carl Philipp Emanuel Bach hat der Pianist Kurt Seibert ein Klavierprojekt erarbeitet und zeigt den großen Einfluss des Bach-Sohnes auf spätere Klavierkomponisten und Pianisten. Bild: hfz
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Bayern
27.11.2014
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Im März jährte sich zum 300. Mal der Geburtstag von Carl Philipp Emanuel Bach (1714-1788). Ein Jubiläum, das in der Fachwelt mit einer Reihe von Veranstaltungen gefeiert wurde, in der breiten Öffentlichkeit aber kaum Beachtung fand.

Mit einem Gesprächskonzert am 28. November im Bayreuther Steingraeber-Haus erinnert Pianist Kurt Seibert an den berühmten Bach-Sohn. Die Kulturredaktion führte ein Gespräch mit dem ehemaligen Professor der Bremer Hochschule für Künste, der in seinen Konzerten immer auch den kulturhistorischen Kontext beleuchtet.

Herr Seibert, wenn man Mitte des 18. Jahrhundert über Bach sprach, dann meinte man...

Kurt Seibert: Carl Philipp Emanuel Bach, den zweitältesten Sohn von Johann Sebastian Bach, der eine glänzende Karriere als Cembalist am preußischen Hof unter Friedrich II. machte. Sein großes musiktheoretisches Werk "Versuch über die wahre Art Klavier zu spielen" war in aller Munde und wurde in viele Länder verkauft.

Sein Vater, der große Johann Sebastian Bach, war also "out"?

Seibert: Sicher nicht bei Kennern und Komponisten wie Mozart oder Haydn, aber in der öffentlichen Wahrnehmung, ja. Carl Philipp war dagegen in einer herausgehobenen Stellung und als Komponist neuer Musik berühmt!

Was zeichnete diese "neue Musik" aus?

Seibert: Ideenreichtum und Experimentierfreude! .Im Kreise gleichgesinnter Freunde wie Lessing und Klopstock suchte Carl Philipp nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten. Seine Musik ist aufrüttelnd und harmonisch kühn, unmittelbar und mit schroffen Stimmungsgegensätzen. Musik, in der sich das neue Lebensgefühl der Aufklärung widerspiegelt.

Spannende Musik aus einer spannenden Zeit, für die sich heute niemand mehr interessiert?

Seibert: Sicher spricht man im Norden etwas mehr über Carl Philipp Emanuel Bach als im Süden, schließlich waren seine großen Wirkungsstätten der preußische Hof und die Stadtrepublik Hamburg. Doch generell gilt, sein umfangreiches Werk für Cembalo und Hammerklavier ist heute Musik für "Kenner und Liebhaber", daran wird auch das Jubiläumsjahr wenig ändern.

Warum gibt oder gab es keine "Wiedergeburt", wie sie Vater Johann Sebastian Bach im 19. Jahrhundert erfuhr?

Seibert: Die Wiedergeburt von Johann Sebastian Bach als Vater der Ahnengalerie Bach-Beethoven- Brahms hing auch mit dem aufkeimenden Deutschen Nationalismus der nachnapoleonischen Zeit zusammen. Carl Philipp Emanuel als aufgeklärter, intellektueller Avantgardist hätte zum mystisch verklärten "Deutschen Meister" einfach nicht getaugt.

Wollte man Carl Philipp in dieser "Ahnengalerie" verorten, wo wäre sein Platz?

Seibert: Er ist weder barock noch klassisch im Sinne der Wiener Klassik, auch nicht romantisch im Sinne von Schumann. Die Musikwissenschaft verortet ihn als Hauptvertreter des "empfindsamen Stils". Mir fallen solche Zuordnungen immer sehr schwer. Es geht ja um einen Zeitraum von nicht einmal Hundert Jahren, in dem viele Lebensläufe und Entwicklungen parallel verliefen, Künstler mit ihren Kollegen kommunizierten und voneinander lernten.

Welchen Ruf hatte Carl Philipp in der damaligen Komponistenszene?

Seibert: Darauf möchte ich gerne mit einem Zitat von Mozart antworten. Er sagt über ihn: "Er ist der Vater, wir sind die Bub'n. Wer von uns was Rechtes kann, hat's von ihm gelernt."

Bei ihrem Konzert in Bayreuth schlagen Sie den Bogen von Carl Philipp Emanuel Bach zu Beethoven. Was verbindet die beiden Komponisten?

Seibert: Beethoven hat Carl Philipps Ideen verstanden und sich zueignen gemacht, aber er hat sie nicht kopiert. Meine Intention geht in eine andere Richtung. Ich möchte Carl Philipp Emanuel Bach als einen wichtigen Ideengeber der Wiener Klassik vorzustellen. Das ist vielleicht eine sinnvollere Hommage als nur seine Werke vorzustellen.

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Gesprächskonzert mit Kurt Seibert im Steingraeber-Haus Bayreuth (Kammermusik-Saal) am 28. November um 19.30 Uhr. Auf dem Programm Klaviermusik von Beethoven und Carl Philipp Emanuel Bach.
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