Münchener Staatsoper gelingt mit Arrigo Boitos "Mefistofele" ein höllisches Spektakel
Das Böse hat doch keine Chance

René Pape (Mefistofele) und Kristina Opolais (Margherita) bei Arrigo Boitos Inszenierung des Stückes "Mefistofele" in der Münchener Staatsoper. Bild: Wilfried Hösl
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Bayern
29.10.2015
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Das stählerne Erdenrund öffnet sich. Im Innern herrscht Mefistofele, König des Bösen. "Open" ist das Spektakel der Hölle. Mefistofele zerrt Faust an einer Kette in sein Reich der Laster, die im Schnittpunkt der Scheinwerfer aufleuchten. Nicht Faust, der Sucher, sondern Mefistofele der Verführer, der "das Böse will und das Gute schafft" steht im Mittelpunkt. Himmlischer Frühling schwebt als Vision von oben zu Fausts Rendezvous mit Gretchen ein, doch das unten bleibt in Sado-Maso-Habitus (Kostüme Renée Listerdal). Es ist ein interessanter Ansatz Arrigo Boitos einzige Oper "Mefistofele" zu visualisieren.

Arrigo Boito komponierte in Anlehnung Goethes "Faust" zwischen Himmel und Hölle, Gut und Böse, charakterisiert beides durch unterschiedlichste Musikstile. Verdi, Puccini, Wagner, Verismo gibt es zu hören. Von allem ein bisschen, doch nichts wirklich Neues und Beeindruckendes. Musikalisch lotet Boito die Dämonie des Bösen mit mächtigen Chören und temperamentvoller Partitur aus. Dass Arrigo Boito eben nur diese eine Oper komponierte, diese erst in der zweiten Version um die Hälfte gekürzt, sieben Jahre später 1875 das Publikum überzeugte, weist ihn nicht unbedingt als kompositorisches Naturtalent aus.

Der Jubel bei der Münchener Premiere gilt vor allem den hochkarätigen Sängern, den fulminanten Chören, dem beeindruckenden Dirigat und dem eindrucksvollen Bühnenbild. Der Applaus, nur durch die üblichen Münchener Regie-Buhs durchbrochen, honoriert ihr Engagement. Für die meisten Sänger ein Rollendebüt, für Dirigent Wellber und Regisseur Schwab ein Staatsoperndebüt.

Fulminante Klangvielfalt

Man spürt, dass hier zwei Monate lang intensiv und kreativ eine künstlerische Vision umgesetzt wurde. Omer Meir Wellber besticht durch sein facettenreiches Dirigat. Mit großer, fast tänzerischer Geste entlockt er dem Bayerischen Staatsorchester eine fulminante Klangvielfalt, die Arrigo Boitos Komposition zumindest phasenweise eine mitreißende Kraft zwischen himmlischen Sphären und tosendem Höllenspektakel verleiht.

Die Sänger des Guten - Joseph Calleja (Faust), Kristine Opolais (Margherita) und Karine Babajanyan (Elena) - überstrahlen wie Sterne das Fortissimo aus dem Orchestergraben, verdichten die Pianos mit sängerischer Poesie. Faszinierend Kristine Opolais' Klangspektrum, das in den Höhen und Tiefen die Brechung im Wahnsinn hörbar macht. Stimmlich aufhorchen lassen auch die Nebenrollen mit Andrea Borghini (Famulus Wagner) und Marta (Heike Grötzinger). Großartig agiert René Pape in der Hauptrolle des Mefistofele, wobei man sich das Dämonische im ersten Teil noch voluminöser wünscht.

Laster der Lusthölle

Regisseur Roland Schwab gelingen zusammen mit Bühnenbildner Piero Vinciguerra, Lea Heutelbeck (Video) und Stefano Giannetti (Tanz) magische Bildwelten, während er die Personenregie der Sänger zu sehr vernachlässigt, wobei allerdings René Pape und Kristina Opolais durch ihr schauspielerisches Charisma subtile Rollenporträts entwickeln.

Per Video düst ein Flugzeug anstelle Mefistofeles aus der Hölle und umkreist Manhattan, die Laster der Lusthölle werden zu Foltern. Kaum hat sich Faust romantisch Gretchen beim Candle-Light-Dinner genähert, entführt ihn Mefistofele mit dem Motorrad in die Walpurgisnacht. In hechelnder Geburtshaltung gebären die Hexen Homunculus, eine Anspielung für Faustkenner, die in der Oper selbst keine Erwähnung findet. Das Karussell markschreierischer Lüste irrlichtert im Hintergrund. Hölle lodert im Feuerschein im Auf und ab der Bühne zur apokalyptischen Bedrohung. Imposant beendet der Chor (Leitung Sören Eckhoff) den ersten Teil.

Der als "Sold out" getitelte zweite Teil, der Ausverkauf der Hölle, kann das Spannungsniveau und die Konzeption aus Mefistofeles Perspektive nicht halten. Verkürzt auf die Begegnung Fausts mit Elena bleibt der Schluss "Verweile Augenblick, du bist so schön" nur ein Statement ohne handlungslogische Untermauerung. Die schöne Elena als Krankenschwester in Kittelschürze in ein dementes Altersheim zu verorten, nimmt diesem Akt jegliche verführerische Ästhetik, ironisiert nur die Titelung "Faust im Fabelreich".

Ohne Bühnenspektakel, auf schnöden Realismus reduziert, zeigen sich umso deutlicher die Schwächen von Arrigo Boitos Libretto und Komposition und deren bühnentechnische Umsetzung. Sowohl der mephistophelische "Sold out" als auch das himmlische "Open End" bleiben blass. Trotzdem tost der Beifall.

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Weitere Informationen im Internet:

http://www.staatsoper.de
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