Münchner Staatsballett tanzt Pina-Bausch-Choreographie
Spiel mit Verführung

Erotik und Verführung zwischen gestern, heute und morgen ist eines der wichtigsten Themen in Pina Bauschs Tanztheater, hier mit Zuzana Zahradnikova und Jonah Cook. Bild: Winfried Hösl
Kultur BY
Bayern
20.04.2016
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Von Michaela Schabel

München. Ein Beifallssturm bricht los nach zweieinhalb Stunden reiner Tanzzeit. Standing Ovations für das Debüt die Tänzer des Münchener Staatsballetts. Dass sie Pina Bauschs Choreographie "Für Kinder von gestern, heute und morgen" tanzen dürfen, ist ein nach jahrelangem Taktieren und zweijähriger Einstudierungsphase der krönende Abschluss des Projektzyklus "Tanzland Deutschland". Arbeiten aller großen Choreographen waren in den letzten vier Jahren in der Münchner Staatsoper zu sehen, jetzt endlich steht "Tanzexportschlager Nr. 1", Pina Bausch, auf dem Programm.

14 ausgewählte Tänzer des Münchner Staatsballetts trainierten, anders als gewohnt mit klarer Ansage, ganz nach Pina Bauschs Maxime: "Mich interessiert nicht, wie die Tänzer sich bewegen, sondern was sie bewegt". Das Ergebnis ist eine Nummernrevue zwischen kindlichen Spielereien, jugendlichem Erwachen, männlichen Konkurrenzkämpfen und weiblichen Verführungstaktiken. Im weißen, Licht durchfluteten Raum (Bühne Peter Prabst) entwickelt sich in bestechend schönen Kostümen (Marion Cito) eine Bilderbuchwelt voller Poesie und Esprit, bizarrer Komik, energetischer Erregung. Gefühle entwickeln sich zart, explodieren skurril. Kleine Gesten, flatternde Hände, der Wechsel von Spannung und Erschlaffung eröffnen Innenwelten, die generationenübergreifend für damals, heute und morgen gelten, und weiten sich durch die extrem atmosphärische Musik, die Sprechtexte und den rasanten Einsatz von Requisiten zu parodistischen Geschichten.

Nicht jede Szene zieht in ihren Bann, zu hölzern wirkt mancher Text. Zu viele Wiederholungsstrukturen ermüden, das tänzerische Bewegungsrepertoire greift sich ab, kommt beim Sandburgenbauen ganz zum Stillstand, was erst als Überleitung zur Pause dramaturgisch einzuordnen ist. Spannende Alptraumwelten entwickeln sich, wenn Rollcontainer inklusive Tänzer durch sich ständige verändernde Räume rasen. Szenenapplaus erntet Matteo Dilaghi für das einzige von Pina Bausch choreografiertes Solo, wobei der Tänzer in statischer Haltung allein mit den Fingern tanzt und seinen Körper vermisst. Eine Szene zum Schmunzeln. Doch was berührt wirklich. Es ist die Art, wie Joana de Andrade mit ihrer kindlichen Ausstrahlung zwischen überbordender Quirligkeit und puppenhafter Erschlaffung Pina Bauschs Tanztheater vermittelt.
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