"Musical ""Cabaret"" von Robin Telfer in Bayern"
Cabaret im Schatten des Untergangs

Ein gnadenloser Unterhaltungs-Guru: Der Conferencier (Michael Kargus, Mitte) heizt das Cabaret an. Bilder: Luisenburg/Miedl
Kultur BY
Bayern
06.07.2015
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Es ist unverwüstlich. Was auch passiert, das Cabaret überlebt. Die lockere Party geht weiter, immer weiter. Denken die Besucher des Kit-Kat-Clubs. Wenn sie sich da mal nicht irren.

Sally Bowles ist ein Kind ihrer Zeit. Die Nachtclubsängerin lebt von Tag zu Tag, von Gönner zu Gönner. Als sie sich in den frisch in Berlin angekommenen Cliff Bradshaw (Lukas Schrenk) verliebt, scheint sich ihr Leben zu verändern.

Anna Montanaro Stimme ist pures Varieté und wie für die Rolle der extravaganten Hauptfigur des Musicals "Cabaret" geschaffen. Mit dem genialen Michael Kargus als singendem Conferencier hüllt Montanaro die Luisenburgbühne in die freigeistige Spaßkultur der dekadenten 20er Jahre. Kracher wie "Mein Herr" und "Money (makes the world go around)" bringen das Premierenpublikum am Freitag schnell auf Betriebstemperatur.

Mit Fingerspitzengefühl

In der Gestaltung des Plots lässt Robin Telfers Bearbeitung der Vorlage nach John van Druten und Christopher Isherwood Sally und Cliff jedoch in die zweite Reihe zurücktreten. Die Liebesgeschichte zwischen dem jungen, idealistischen Schriftsteller und dem glitzernden Paradiesvogel, der am Ende zu festgefahren ist, sein Leben zu ändern, rückt der Regisseur in den Hintergrund.

Das ist gut so, denn die Chemie zwischen Montanaro und Schrenk als Paar überzeugt nicht. Der Fokus wird frei für die bewegende Romanze von Cliffs pragmatischer Vermieterin Schneider (kratzbürstig-liebenswert: April Hailer) und ihres distinguierten jüdischen Verehrers Schulz (Norbert Heckner mit einer wunderbaren Performance) - und für eine echte Inszenierung "Marke Luisenburg".

Das Wagnis eines vorsichtigen Neuanfangs zwischen zwei älteren Menschen, eingebettet in den aufkommenden Nationalsozialismus, nimmt die für dieses Thema sensibilisierten Luisenburg-Zuschauer mit. Weg von den - von einer begreifbaren Realität losgelösten - Horror-Bildern des Dritten Reichs wird im Kleinen tragisch deutlich, was dieses alles zerstört hat: hier die vage Hoffnung auf ein spätes Glück.

Denn die Zeichen stehen auf Umsturz. Zynischerweise ist es Cliff, der "unpolitische Amerikaner", der die heraufziehende Gefahr spürt. Er schaut genauer hin, in die Hetzschriften, die er anfangs noch für seinen suspekten Freund Ernst (Matthias Lehmann) schmuggelt. Als dieser, nun offen als Nazi auftretend, auf der Verlobungsfeier vor den Problemen einer Ehe mit einem jüdischen Mann warnt, herrscht urplötzlich Stille.

Wenn die Musik verklingt

Die Variationen des Cabaret-Themas und von Charleston-Standards, die der Handlung stets eine positive Stimmung gaben, verklingen. Der Wendepunkt ist erreicht. Schneider und Schulz lösen ihre Verlobung. Selbst die freche Choreographie der Kit-Kat-Girls wird stechschrittartig hölzern. Die Tänzerinnen tauschen Strapse und Federboas mit Stahlhelmen und Hakenkreuzbinden.

Telfer kreiert mit der vollauf stimmigen, intelligenten Inszenierung mit clever gesetzten, beunruhigenden Untertönen die ultimative Warnung in Zeiten von Alltagsrassismus, der Ausgrenzung von Leuten, die "anders" sind, und rechtspopulistischen Bauernfängern. Wie konnte es dazu kommen? Wortfetzen, die die Protagonisten während der kurzweiligen zweieinhalb Stunden beiläufig fallen ließen, geben in der dramatischen Schlusssequenz Aufschluss. Gebündelt formen fatalistisches Wegsehen, nachgeplapperte Schlagwörter und schlechte Witze eine erschreckende Erkenntnis - all dies hatte sich längst angedeutet.

Die Geschichte endet abrupt, als Bradshaw in den Zug steigt und Berlin verlässt. Es bleibt offen, was mit den anderen liebgewonnenen Figuren weiter passiert. Als der Conferencier am Ende seinen schwarzen Mantel öffnet und plötzlich in der Kluft eines KZ-Insassen auf der Bühne steht, braucht es keine Worte mehr. Es ist klar - die Zeit des unbeschwerten Cabarets ist für lange vorbei.
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