Neue Dauerausstellung über die "Weiße Rose"
Ihr Geist lebt weiter

Im Jahr 2003, 60 Jahre nach ihrer Hinrichtung durch die NS-Diktatur, ist die Widerstandskämpferin Sophie Scholl mit einer Büste in der Walhalla bei Donaustauf (Kreis Regensburg) geehrt worden. Bilder: dpa (2)
Kultur BY
Bayern
21.04.2017
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Die neue Dauerausstellung bietet einen umfassenden Blick auf die Geschichte der "Weißen Rose" und stellt ihren Widerstand in den Kontext von NS-Terrorherrschaft und verbrecherischem Krieg. In neun interaktiven Medienstationen werden die Biografien der Protagonisten der Widerstandsbewegung vermittelt. Bild: dpa
 
Bodendenkmal mit Flugblättern vor der Universität. Bild: exb

Es gibt wohl keinen passenderen Ort, um an den Widerstand der "Weißen Rose" zu erinnern. Ein Fenster zum Lichthof der Münchner Universität erinnert an den Tatort, an dem die Geschwister Scholl ihre letzte Aktion begingen. Jetzt gibt es eine neue Dauerausstellung über die Widerstandsgruppe.

Von Christiane Gut

Seit dem 18. Februar 2017, dem 74. Jahrestag ihrer Verhaftung, wird in der zweisprachigen "DenkStätte" in der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität der studentischen Widerstandsgruppe "Weiße Rose" gedacht. Mit einer Fülle an Originaldokumenten gelingt der Ausstellung ein umfassender Blick auf die Geschichte der Gruppe, die für ihren Widerstand gegen die NS-Terrorherrschaft mit dem Tod bezahlte.

Auf dem Weg zur Ausstellung gehen mir Bilder durch den Kopf: Szenen aus den Filmen von 1982 und 2016 mit Lena Stolze und Julia Jentsch als Sophie Scholl; diverse Buchtitel, die sich mit der Widerstandsgruppe beschäftigen. Als ich dann den hellen Raum der "DenkStätte" betrete, die bereits 1997 eingerichtet wurde, fühle ich mich unerwartet leicht und entspannt. In angenehm heller Atmosphäre mit blauen Akzenten präsentieren sich interaktive Medienstationen in Deutsch und Englisch und sprechen jetzt auch ausländische Besucher an. Eigene Abschnitte sind der Erinnerungs- und Wirkungsgeschichte der "Weißen Rose" nach 1945 gewidmet.

Ohne Drucker und Kopierer


Das Hauptaugenmerk der Ausstellung liegt auf den Flugblättern. Ihre Produktion ohne Drucker und Kopierer, ihre Verbreitung samt Beschaffung von Papier und Briefmarken war eine logistische und organisatorische Meisterleistung - und erforderte natürlich ungeheuren Mut. Ein Film untermauert das eindrucksvoll. Wer sich die Mühe macht und die sechs Flugblätter liest, ist auch heute noch erschüttert. In literarischer, vielleicht pathetischer Sprache, rufen die Mitglieder der "Weißen Rose" darin zum Widerstand gegen den Nationalsozialismus auf. Sie berufen sich dabei auf Schiller, Goethe und Laotse.

Eine Vitrine mit Werken, die die Studenten geprägt hatten, unter anderem von Augustinus, Pascal, Laotse und Schiller, steht in der Mitte des Raums. Leitbegriffe wie Gerechtigkeit, Verantwortung, Gewissen, Menschenwürde und Freiheit begleiten in Form von großen Lettern auf den Mauern den Besucher während seines Aufenthalts.

Wer waren Sophie und Hans Scholl und die anderen Widerstandskämpfer? Was passierte in ihrem kurzen Leben? Auf diese zentralen Fragen geben Medienstationen ausführlich Antwort. Neben den wichtigsten Protagonisten - Hans und Sophie Scholl, Christoph Probst, Willi Graf, Alexander Schmorell und Kurt Huber - werden hier auch Zeitzeugen in Ton und Bild vorgestellt.

Es waren tolerante, pazifistische, von religiösem und bündischem Gedankengut geprägte Elternhäuser, in denen die Mitglieder der "Weißen Rose" aufwuchsen. Ohne Zweifel kann man die Studenten als äußerst kulturinteressiert beschreiben: Sie lasen viel, machten Musik, diskutierten und hörten Vorlesungen des Philosophieprofessors Kurt Huber. Huber hatte das sechste Flugblatt geschrieben: Ein massiver Angriff auf die Kriegspolitik Hitlers, der allein auf deutscher Seite 300 000 Soldaten zum Opfer fielen. Er verurteilt die Ungerechtigkeit des Nazi-Regimes gegen Juden, prangert die Verbrechen gegen die Menschlichkeit an. Zweifelsohne wollten die Mitglieder der "Weißen Rose" ihre Landsleute über den wahren Charakter des Regimes aufklären. Für sie hatten die Deutschen eindeutig eine Mitschuld an den Verbrechen der Nazis.

Religiöse Motivation


Die allgemein geltende, hauptsächlich religiöse Motivation für den Widerstand wird jetzt von einem neuen Buch etwas in Frage gestellt: Die Historikerin Miriam Gebhardt stellt die "innere Autonomie", "die Verweigerung, sich korrumpieren zu lassen" als Hauptantrieb der Widerstandsgruppe dar. ("Die Weiße Rose: Wie aus ganz normalen Deutschen Widerstandskämpfer wurden")

Dass die "Weiße Rose" sich nicht auf München beschränkte, zeigt ein anderer Schwerpunkt der Ausstellung. Dokumente belegen die Ausweitung der Widerstandsaktionen über Gleichgesinnte und die Verbreitung der Flugblätter in Städten wie Saarbrücken, Ulm, Hamburg und Berlin, wo die Widerstandsaktivitäten fortgeführt wurden. Nach den Hinrichtungen in München setzten Freunde und Gleichgesinnte die Arbeit fort. Der Münchner Chemiestudent Hans Leipelt etwa vervielfältigte das letzte Flugblatt und verteilte es in Hamburg - mit dem Zusatz "Und ihr Geist lebt trotzdem weiter". Insgesamt bemüht sich die Ausstellung, auch auf die anderen, weniger bekannten Mitstreiter aufmerksam zu machen. "

Über den Hamburger Zweig war das letzte Flugblatt der "Weißen Rose" ins Ausland gelangt und wurde im Dezember 1943 von britischen Bombern über Deutschland abgeworfen. Thomas Mann sprach in einer nach Deutschland ausgestrahlten Rede in der BBC über die Mitglieder als Vertreter eines besseren, anderen Deutschlands, so klein ihre Zahl auch gewesen sei, und versicherte: "Ihr sollt nicht umsonst gestorben sein, sollt nicht vergessen sein."

Henker Reichhardt


Ab Februar 1943 tritt die "Weiße Rose" auch durch nächtliche Aktionen an die Öffentlichkeit. "Nieder mit Hitler - Freiheit" steht am 3., 8. und 15. Februar an den Mauern der Universität und anderer Gebäude in München. Am 18. Februar ließ Sophie Scholl einige Exemplare des sechsten Flugblatts mit dem Titel "Kommilitoninnen! Kommilitonen!" von der Balustrade des Lichthofs herunterflattern. Dabei wurde sie zusammen mit ihrem Bruder Hans vom Hausmeister beobachtet, von der Gestapo verhaftet und nach einem Schauprozess bereits fünf Tage später mit dem Fallbeil ermordet.

Hingerichtet wurden sie von Johann Reichhardt, der seit 1924 mit seiner zusammenklappbaren Guillotine durch Bayern reist, um Todesurteile zu vollstrecken. Am 8. Mai 1933 vollstreckt er auch in Weiden die Hinrichtung des "Mörders von Wendersreuth". Felix Schieder soll seinen Bruder, dessen Frau und Kind mit der Axt getötet haben. Auf Reichhardts Konto geht die unfassbare Zahl von 3165 Hinrichtungen. In der Weimarer Republik hatte er wenig zu tun, betrieb in einer Art Doppelleben einen Gemüsehandel in Den Haag und reiste bei Bedarf nach Bayern. Im Dritten Reich jedoch war er als einer von vier Scharfrichtern Hitlers voll beschäftigt: 2805 Verurteilte hat er in den zwölf Jahren enthauptet.

Nicht nur in Deutschland gilt die "Weiße Rose" als moralische Instanz. Eine Wanderausstellung mit dem Titel "Die Weiße Rose. Der Widerstand von Studenten gegen Hitler" gastiert in Prag, in der Repräsentanz des Freistaates Bayern. Unterstützt wird die "Weiße Rose Stiftung" dabei von der tschechischen Partnerorganisation Antikomplex. Im Anschluss soll die tschechischsprachige Ausstellung auch in anderen Städten des Landes gezeigt werden.

Für Zivilcourage


Wenngleich der Aufruf der "Weißen Rose" zum Widerstand bei den meisten Deutschen kein aktives Handeln hervorrief, hat sie in der Folge doch etwas bewirkt: Heute steht die studentische Widerstandsgruppe für Zivilcourage, für das Sich-Einmischen. Und für ein bedingungsloses mutiges Engagement, wenn der freiheitlich-demokratische Staat und die Rechte der Menschen angegriffen werden. In der Hochzeit von Populisten ein wichtiger Appell. Gerade, wenn manche Vertreter der AfD sich allen Ernstes in der Tradition der Widerstandskämpfer sehen und dreist behaupten "die Geschwister Scholl würden heute AfD wählen".

ServiceAusstellung: Dauerausstellung "Weiße Rose".

Ort: "DenkStätte Weiße Rose" am Lichthof der Ludwig-Maximilians-Universität, Geschwister-Scholl-Platz 1, 80539 München.

Öffnungszeiten: Montag bis Freitag, 10 bis 17 Uhr, Samstag 11.30 bis 16 Uhr.

Kontakt: 089/21803053, info@weisse-rose-stiftung.de

Weitere Informationen:

www.weisse-rose-stiftung.de
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