"Nicht aus freien Stücken"

Der Selber Historiker Albrecht Bald und Wolfgang Schilling vom Porzellanikon präsentieren in einer Vitrine Zwangsarbeiter-Porzellan. Bald garnierte die Ausstellung mit persönlichen Geschichten vom Zwangsarbeitern. Bild: Kempf
Kultur BY
Bayern
15.05.2015
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Aus unterschiedlichsten Blickwinkeln heraus wird in diesem Jahr an das Kriegsende vor 70 Jahren, die Befreiung vom Nationalsozialismus erinnert, an das Ende von Terror und des zielgerichteten Vernichtens von Menschen. Das Porzellanikon Selb nähert sich dem Thema unter dem Aspekt der Zwangsarbeit in Unternehmen der Porzellanindustrie in der Region.

Die Ausstellung wurde von den Verantwortlichen des Porzellanmuseums in Mitterteich gemeinsam mit der Verwaltungsgemeinschaft Mitterteich in Kooperation mit dem Museum Sokolov, dem Nationalarchiv Prag und dem Porzellanikon Selb initiiert und organisiert, in Mitterteich wurde die Ausstellung erstmals gezeigt.

Jetzt ist die erweiterte Sonderausstellung "Zwangsarbeit für weißes Gold" bis 31. Mai in Selb zu sehen. Staat, NS-Organisationen und Unternehmer organisierten Zwangsarbeit in der keramischen Industrie. Menschen aus vielen europäischen Ländern mussten bei der Erzeugung von Zier-, Gebrauchs- und Technik-Porzellan für den militärischen und zivilen Bedarf zwangsarbeiten. Die Ausstellung befasst sich mit den Auswirkungen im bayerisch-böhmisch-thüringischen Raum. Arbeits- und Lebensverhältnisse werden ebenso geschildert wie die Produkte.

Lage vor Kriegsbeginn

Das Porzellanikon Selb übernahm die Ausstellung nicht nur, sondern ergänzte sie durch eigene Bezüge zur Porzellanstadt Selb. Albrecht Bald, Historiker aus Selb, befasste sich mit der Thematik, schilderte in seinem Eröffnungsreferat die Lage der Porzellanindustrie vor Kriegsbeginn, den Einsatz der ersten Zwangsarbeiter ab 1940 sowie deren Unterbringung, Arbeitsverhältnisse und Lebensumstände. Zu allen Bereichen gibt es Zeugnisse und Darstellungen. Obwohl sich die Porzellanindustrie langsam von der Weltwirtschaftskrise erholt hatte, verlief der Geschäftsverlauf bis 1939 schleppend, das Exportgeschäft stagnierte. Mit den "Blitzkriegserfolgen" in Polen und Frankreich kehrte man zur "Friedensproduktion" zurück. Als Keramik-Industrielle Rüstungsaufträge erhielten, wurden Männer, Frauen und Jugendliche zur Arbeit gezwungen.

Mit Andauer des Krieges veränderten sich die Produktionsschwerpunkte: Dickwandiges Wehrmachtsporzellan, Porzellan für Ausgebombte, Militärbedarf, Kleinst-Isolatoren, Miniatur-Wehrmachtsfahrzeuge aus Porzellan für den Strategie-Unterricht sollten gefertigt werden. Hinzu kam die verstärkte Produktion von Hochspannungs-, Radio- und sonstigen Isolatoren. Wegen des Arbeitskräftemangels in der Porzellanindustrie setzte eine Vielzahl von Unternehmen ab 1941 Zwangsarbeiter ein.

Rassen-Unterschiede

Der Alltag der Zwangsarbeiter war gekennzeichnet von fehlender Freiheit, Arbeits- und Lebensbedingungen konnten nicht selbst bestimmt werden. Unterkunft, Arbeitsbedingungen, Ernährung, Hygiene und medizinische Versorgung waren unterschiedlich. Slawen wurden als "Untermenschen" bewertet, die man schlecht behandeln soll. Nord- und Westeuropäer hingegen konnten Privilegien erhalten. Die Zahl der Zwangsarbeiter in Oberfranken wuchs von 9000 auf 33000 Menschen. In der Porzellanfabrik Mitterteich waren es nachweislich sowjetische Kriegsgefangene, "Ostarbeiter" und polnische Zivilisten. In der Porzellanindustrie Deutschlands war im Sommer 1944 etwa jeder vierte Beschäftigte ein Zwangsarbeiter.

Die Ausstellung schildert Einzelschicksale, zeigt Originaldokumente. Wieslaw Jankowski wurde nach einer Razzia in Warschau 1943 als 14-Jähriger nach Selb deportiert, wo bereits seine Mutter, seine Schwester und zwei Tanten eingesetzt waren. Jankowski musste bei Rosenthal arbeiten. "Die Unterbringung im Lager in Höchstädt war unmenschlich, der Lagerleiter höchst grausam. Nach der Arbeit bei Rosenthal arbeitete Jankowski noch bei einem Höchstädter Bauern, um 20 Uhr musste er zurück im Lager sein", führt Bald aus. Jankowski überlebte, kehrte nach Polen zurück. Noch heute besitzt er seine Jacke mit dem Polen-Abzeichnen.

Eine polnische Zwangsarbeiterin ließ sich 1942 auf eine Beziehung mit einem Weichenwärter der Reichsbahn ein, dem verheirateten Vater von fünf Kindern. Eine Arbeitskollegin verriet das Verhältnis, die im siebten Monat schwangere Zwangsarbeiterin wurde 1943 verhaftet, ebenso ihr Liebhaber, ein Parteimitglied. Das Kind wurde nach der Geburt zusammen mit der Mutter in die "Ausländerkinder-Pflegestätte" nach Arzberg gebracht. Die Mutter kam schließlich zuerst in Schutzhaft, wurde dann ins Frauen-KZ Ravensbrück deportiert. Ihr weiteres Schicksal ist nicht bekannt. Der Vater wurde aus der NSDAP ausgestoßen und von der Reichsbahn entlassen.

Porzellan nach Frankreich

Von anderen Paaren ist bekannt, dass sie gemeinsam Selbstmord begingen. Manchmal entstanden auch anhaltende Freundschaften. Der französische Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter Robert Thevenot schloss Freundschaft mit dem Besitzer der Arzberger Porzellanfabrik Carl Schumann. Dieser schenkte ihm Porzellan-Teile, die Thevenot nach Kriegsende nach Frankreich mitnehmen durfte. Ein Service und eine Bodenvase sind in der Ausstellung zu sehen. Die Freundschaft hatte Bestand, 2006 besuchte Thevenot als 93-Jähriger Arzberg. Zurückgekehrt in ihre Heimat wurden viele der Überlebenden oftmals als Kollaborateure angesehen. Die traumatischen Erfahrungen hinterließen körperliche und seelische Wunden. Entschädigungszahlungen erfolgten häufig allzu spät und erreichten die Betroffenen oftmals nicht mehr.
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