Nürnberger Ausstellung "no pain no game" lässt Betrachter zum leidenden Akteur werden
Kunst, die unter die Haut geht

Die "PainStation" macht Kunst physisch erlebbar: Zwei Akteure versuchen mit ihrem Balkenschläger den Ball hinter der Grundlinie des Gegners zu versenken. Gelingt das einem der beiden, bekommt der "Versager" in der linken Hand Hitze, Stromstöße und Peitschenhiebe zu spüren. Bild: Museum
Kultur BY
Bayern
09.08.2016
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Nürnberg. Es gibt Kunst, der man besser nicht zu nahe kommt. "Wenn man Kunst physisch erfahrbar machen will," kann das durchaus Schmerzen bereiten", erklärt Volker Morawe die "PainStation", die er gemeinsam mit seinem Kollegen Tilman Reiff derzeit im Museum für Kommunikation in Nürnberg präsentiert. Unter dem Titel "no pain no game" zeigt das Duo "Fur" (englisch "Fell") bis 25. September zehn ausgewählte Arbeiten, die unter die Haut gehen - jenseits jeder Komfortzone.

Multisensorische Artefakte


Es braucht schon eine große Portion Mut, um sich auf ihre "multisensorischen Artefakten" einzulassen. Die "PainStation" zum Beispiel macht aus dem Computerspiel-Hit "Pong" (1972) eine ganzheitliche Erfahrung. Jeder Ball, der an dem per Drehknopf gesteuerten Schläger vorbeigeht, kann Hitzeschübe, Stromstöße oder Peitschenhiebe auf die Hand des Benutzers verursachen. Verlierer ist derjenige, der die Hand von der "Pain Execution Unit" wegzieht - er hat dem Druck nicht standgehalten.

Auch in der "Facebox", dem kleinsten sozialen Netzwerk der Welt, ist die Grenze zwischen Ernst und Spiel fließend. Hier wartet der Besucher, bis ein zweiter User beitritt. Wer möchte, kann mit Hilfe eines Stockes Personen gezielt "anstupsen". An weiteren Stationen warten ein sprechender Boxsack und ein Labyrinth, durch das man sich nur per Stimme retten kann. Richtig schweißtreibend wird es beim "Snake Pit", der dem Computerspielklassiker "Hyper-Wurm" (1979) buchstäblich Beine verleiht. Das ursprünglich auf einen Mini-Screen reduzierte, nur Augen und Daumen strapazierende Geschehen wird zum echten Lauftraining für zwei konkurrierende Besucher.

Gegen den Streich bürsten


Zwei Ziele verbinden die jungen Künstler mit ihrer ersten Soloausstellung, die sie auf Initiative des Goethe-Instituts entwickelten: Auf der einen Seite werden "Mechanismen medialer Interaktion spielerisch und humorvoll gegen den Strich gebürstet", sagt Reiff. Andererseits wird - zum Beispiel bei der "Facebox" - der digitalen Entkörperlichung durch soziale Netzwerke eine reale Nähe entgegengesetzt.

Auge in Auge steht man plötzlich einer anderen, womöglich fremden Person gegenüber - und das unter Ausschluss der Öffentlichkeit. So entsteht plötzlich eine ungewohnte Zweisamkeit, ja vielleicht echte Freundschaft. Und wo gibt es das schon noch - im wirklichen Leben?
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