Nürnberger Staatstheater
Aufführung der Oper "Die Jüdin"

Religionskritik pur: Während in der Kirche der Sieg des Heerführers Léopold über die aufständischen Hussiten gefeiert wird, beginnt draußen die Jagd auf den jüdischen Goldschmied Eléazar und seine Tochter Rachel. Bild: Ludwig Olah
Kultur BY
Bayern
20.01.2016
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Gnadenlos taucht der Soldat sie unter Wasser. Dann zieht er sie am Schopf heraus, lässt sie kurz nach Atem japsen, um sie sofort wieder ins dunkle Nass zu drücken. Die Gegenwehr dauert nicht lang - Rachel liegt tot in seinen Armen. Hätte sie sich vom Judentum abgewandt, würde sie noch leben.

Nürnberg. Gabriele Rech wählt für ihre Inszenierung der Oper "Die Jüdin" von Fromental Halévy im Nürnberger Staatstheater eindrucksstarke Bilder: Die Taufe als Gewalt- statt Gnadenakt, mittelalterliche Zwangsmissionierung als eine Art moderne Folter. Eigentlich spielt "La Juive", von Verdi ebenso geschätzt wie von Wagner, in der Zeit des Konstanzer Konzils um das Jahr 1414. In fünf Akten wird von einem fanatisierten Christentum berichtet, das den jüdischen Goldschmied Eléazar und seine Tochter Rachel in den Märtyrertod treibt. Da die enthaltenen Themen "Intoleranz", "Hass" und "Ausgrenzung" aber weder zeitlich noch geografisch verortet werden müssen, lässt Rech die Geschichte modellhaft in den 1930er Jahren spielen.

Geschichte erzählen


Problematisch dabei ist, dass die neuen Erkenntnisse der Theologie - seit der Uraufführung im Jahr 1835 - den Sprung ins Heute nicht mitmachen und zum Beispiel zwischen einem jüdischen und christlichen Gott getrennt wird.

Klugerweise verzichtet Rech darauf, an allen Ecken und Enden Hakenkreuze anzubringen. Und auch die Soldaten, die in ihrer Version den Ketzern den Garaus bereiten, werden nicht in braune Uniformen gesteckt. Die gebürtige Duisburgerin will die Geschichte zuerst einmal erzählen - mit historischen Kostümen und mit Räumen, in denen jüdische und christliche Riten ihren Platz haben. Und das gelingt ganz gut. Dass Kardinal Brogni hier in violettem Gewand daherkommt und damit zum Bischof mutiert, und beim Passahmahl üblicherweise kein brennender siebenarmiger Leuchter auf dem Tisch platziert wird, sei hier nur als Marginalie erwähnt.

Wie entsteht so etwas wie Pogromstimmung? Wie lässt sich ein Volk aufhetzen? So lauten Fragen, die heute aktueller denn je sind. Rech bringt sie nicht mit Scheinwerferlicht auf die Bühne, sondern lässt sie leise und unscheinbar aufschimmern. Kleine Andeutungen reichen aus, Teelichter am Bühnenrand, Zettel mit den Aufschriften "Ich bin Jude" beziehungsweise "Ich bin Christ", um an die Anschläge in Göteborg und auf die Satirezeitschrift Charlie Hebdo zu erinnern.

Nicht erst nach der auf gut drei Stunden gekürzten Aufführung wird deutlich: Der Kampf der Religionen nimmt auf Menschenleben keine Rücksicht. Wenig Rücksicht nimmt der Komponist übrigens auch auf die musikalischen Interpreten seiner Grand Opéra. Halévy, dessen Familie ursprünglich aus Fürth stammt, versah seine "Jüdin" mit einer faszinierenden Mischung aus Belcanto und französischen Klangfarben. Aberwitzig anspruchsvolle Solo-Arien, frenetische Chorsätze (oft a-cappella) - gut, dass durch das disziplinierte Spiel der Staatsphilharmonie die Texte gut zu verstehen waren.

Schauspieler überzeugen


Leah Gordon als Rachel bewies wieder eine Menge Stimmkraft, bleibt in Beziehungsdingen aber etwas leidenschaftslos. Banu Böke zeigt sich als Prinzessin Eudoxie elegant und koloraturensicher. Tenor Uwe Stickert ist als Léopold an einigen Stellen schauspielerisch überfordert. Dafür überzeugen Luca Lombardo als hasserfüllter Jude Eléazar und Nicolai Karnolsky als "menschelnder" Kardinal. Das Resümee am Ende des Opern-Abends: Ein musikalisches Klanggewitter, das in Sachen Theologie noch ein paar tiefer gründende Donnerschläge vertragen würde.
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