Oper begeistert Salzburger Publikum
Irrsinnige Höhen und hässliche Facetten

Thomas Adé (Komposition, musikalische Leitung) und Tom Caims (Libretto, Regie) konzipierten - eng angelehnt an Buñuels englisches Filmdrehbuch - ihre Version von "The Exterminating Angel". Bild: Monika Rittershaus
Kultur BY
Bayern
03.08.2016
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Eine Oper nach dem bekannten Luis Buñuel-Film "El angel examinator" alias "Der Würgeengel" (1962) - das klingt interessant, anspruchsvoll, festivalwürdig. Das Salzburger Publikum, Zielgruppe der thematisierten Ironisierung der Bourgeoisie, jubelte zur Uraufführung.

München. Klug und konsequent konzipierten Thomas Adé (Komposition, musikalische Leitung) und Tom Caims (Libretto, Regie) ganz eng nach Buñuel englischem Filmdrehbuch ihre Version von "The Exterminating Angel" als Parabel einer in Ritualen erstarrten High-Society. Die Partygäste können den Raum nicht mehr verlassen. Eingesperrt entwickeln sich desaströse Prozesse. Erst das Handeln gegen jegliche Rituale öffnet den Raum wieder. Das rituelle Wiederholungsmotiv wird für Thomas Adé zum Kompositionsprinzip, unter seiner eigenen Leitung vom ORF-Radio-Symphonieorchester Wien exakt umgesetzt. Die Frage ist, ob Adés Musik dem Sujet gerecht wird.

Exzentrisch und nervös


Statt zu irritieren, die Abgründe gesellschaftlicher Rituale hörbar zu machen, stagniert die Oper in Wiederholungsmustern. Das passt zwar bestens zur Interpretation der Buñuel-Thematik ständiger Wiederholungsstrukturen, vermittelt aber in exzentrisch nervöser Höhe ohne abgründige Tiefen und Dissonanzen nur ganz selten den Tiefgang von Buñuels Surrealität.

Alltäglich beginnt die Oper mit Salzburger Glockengeläut. Das Endlos-Walzer-Motiv der Beschwingtheit wird zerschnippelt, immer wieder unterbrochen. Darüber konversieren die Sänger und der Salzburger Bachchor vorwiegend in irrsinnigen Höhen, die sich situationsadäquat zu irrealen Klangmustern hochschaukeln. Dazwischen brauen sich die Tonstrukturen zu mächtigen Orkanen, die sphärenhaft den Opernkosmos durchdüsen, nichts wirklich Neues und Bewegendes.

Gastharfenistin Anna Verkholantzeva lässt aufhorchen, zwischendurch von den 22 Sängern mit John Tomlinson als Doktor. Sein Bass wird zum akustischem Balsam. Die Koloratursopranistinnen Christine Rice, Anne Sofie von Otter, Sally Matthews setzen tonale Farbakzente. Dagegen bleibt Audrey Luna als Letitia Leitfigur für die Kraft der Poesie arg zart und zerbrechlich. Beeindruckend ist das Bühnenbild. Ein großes Portal auf einer Drehbühne ermöglicht Perspektivwechsel von Innen- und Außenansichten, "liliputisiert" die Menschen zu kleinen Marionetten, verwandelt sich im Profil zur Mauer oder frontal zur Projektionsfläche für einen mächtigen Braunbären als Sinnbild latenter Bedrohungsängste. Die Abendroben (Kostüme von Hildegard Bechtler) verschleißen zu lausigen Fetzen.

Feine Gäste wie Obdachlose


Schließlich hausen die feinen Gäste unter einem Brückenbogen wie Obdachlose. Längst hat die Dienerschaft, die anfangs einer Luke sinnbildlich der sozialen Unterwelt entsteigt, die Party verlassen, in der es immer brutaler zugeht, Menschen zu Tieren werden, sich lautlos schwebend der Doktor der Frau seiner Begierde nähert, um sie zu vergewaltigen, eine abgetrennte Hand Gitarre spielt. Hier wird das surreale Mysterio zur schlüssigen Metapher der hässlichen Facetten des Menschseins. Diese Bilder haken sich fest, nicht die Musik.
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