"Parsifal" eröffnet Bayreuth
Gegen Religion, für Menschlichkeit

In einer orientalisch anmutenden Wellness-Oase versuchen die Blumenmädchen und Kundry vergeblich, Parsifal (Klaus Florian Vogt, Mitte) seine Unschuld zu rauben.
Kultur BY
Bayern
26.07.2016
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Zur Eröffnung der Festspiele stand Richard Wagners Oper "Parsifal" in einer Neuinszenierung von Uwe Eric Laufenberg auf dem Spielplan. Laufenberg zeigt Wagners Spätwerk in sakraler Atmosphäre, aber auch mit Anspielungen an die Flüchtlingskrise. Bilder: Bayreuther Festspiele/Enrico Nawrath/dpa (2)

Ansbach steht nach dem ersten islamistischen Selbstmordanschlag in Deutschland unter Schock und im anderthalb Stunden entfernten Bayreuth unterbreitet Regisseur Laufenberg seinen Lösungsanschlag für viele Sorgen dieser Welt: Weniger Gott, mehr Mensch.

Bayreuth. Rund um das Festspielhaus dreht sich nach dem ersten Selbstmordanschlag eines Islamisten in Deutschland alles um Sicherheit und Terrorangst. Der rote Teppich fällt nach den jüngsten Bluttaten in Bayern aus, der Staatsempfang auch. Das bayerische Kabinett kommt nicht zur Premiere, schwer bewaffnete Polizisten patrouillieren. Und im Festspielhaus ruft Regisseur Uwe Eric Laufenberg dem Publikum zu: Lasst das doch mit der Religion - und konzentriert Euch aufs Menschsein. Eine Inszenierung, die an Aktualität kaum zu überbieten ist.

Laufenberg, vor zwei Jahren für den gefeuerten Skandalkünstler Jonathan Meese eingesprungen, hat am Montagabend bei den Festspielen eine überaus religionskritische Version von Wagners Spätwerk "Parsifal" auf die Bühne gebracht. Kaum zu glauben, dass er das Konzept für seine Inszenierung, die er ursprünglich - und vor seinem schlagzeilenträchtigen Streit mit der Stadt - in Köln auf die Bühne bringen wollte, schon vor Jahren entwickelt hat.

Seine humanistische Interpretation der Erlösungsoper erntet beim strengen Bayreuther Publikum Jubelstürme - nur gestört von sehr vereinzelten und eigentlich ja fast schon obligatorischen Buh-Rufen. Dass Laufenberg und der kurzfristig eingesprungene Dirigent Hartmut Haenchen nur wenige Tage Zeit hatten, um Musik und Inszenierung in Einklang zu bringen, fällt nicht auf.

Kuss auf die Wange


Der Intendant des Hessischen Staatstheaters in Wiesbaden, der seine eigene Inszenierung im Publikum verfolgt hat, erntet am Schluss Schulterklopfen. Ein Zuschauer küsst ihn sogar auf die Wange. Und auch als er auf der Bühne steht, wird er beinahe so sehr gefeiert wie Haenchen, der mit rund vier Stunden ziemlich schnell durch die drei Akte von Wagners letzter Oper führt.

Der Applaus für Laufenberg steht auch dem für das Sängerensemble in kaum etwas nach. Klaus Florian Vogt wird für seinen (passend zum anfangs naiven Parsifal) glockenhellen Auftritt gefeiert - auch wenn der Publikumsliebling blasser bleibt als im Ratten-"Lohengrin" aus den vergangenen Jahren. In Bayreuth, wo "Ring"-Regisseur Frank Castorf minutenlang ausgebuht wurde, ist eine solche Ehrerbietung für den Regisseur alles andere als eine Selbstverständlichkeit.

Kirchenasyl gefunden


In Laufenbergs Inszenierung - gerüchteweise als islamkritisch angekündigt - bekommt jede monotheistische Religion ihr Fett weg. Den ersten Aufzug der Erlösungs-Oper verlegt er in eine katholische Kirche irgendwo im Nahen Osten. Flüchtlinge scheinen dort auf Feldbetten Kirchenasyl gefunden zu haben. Doch sie gehen, bevor die Gralsritter ihren Riten nachgehen wollen - schließlich steht ja am Ende des ersten Aktes die feierliche Enthüllung des Heiligen Grals. Der erste Hinweis von vielen, dass die Religion in Laufenbergs Interpretation mehr sich selbst dient als den Menschen.

Ein eingespielter Film auf einer Leinwand zoomt heraus aus der Kirche, links und rechts sind Feuerbälle zu sehen, die an Explosionen oder brennende Gebäude erinnern, der Zoom zieht weiter auf, zeigt die kleine Erde, bald die Sonne, das Weltall - Star Wars lässt grüßen - und rast wieder zurück auf diese verschwindend winzig kleine Kirche wohl irgendwo im türkisch-irakisch-syrischen Grenzgebiet.

Dort zelebrieren die Gralsritter - skandalös unbeeindruckt von den Dingen, die um sie herum vor sich gehen - ihren religiösen Ritus. Amfortas (Ryan McKinny), bei Laufenberg eine explizite Christusgestalt mit Dornenkrone und Wundmalen, liegt blutüberströmt auf einer Art Taufbecken, seine Ritter zapfen ihm das Blut ab.

Der zweite Teil spielt in einer Art orientalischer Wellness-Oase, in der die Blumenmädchen und Kundry vergeblich versuchen, dem "reinen Tor" Parsifal seine Unschuld zu rauben. Die Blumenmädchen sind zunächst schwarz verschleiert. Bevor sie die Bühne betreten, sind sie hinter Gittern - verschleierte Frauen, eingesperrt. Wer Islamkritik sucht, könnte sie hier finden. Doch sobald sich der Schleier verschiebt, könnte es sich auch um katholische Nonnen handeln. Laufenberg macht da keinen Unterschied. Und ohnehin: Lange tragen die Mädchen die Verschleierung nicht - unter ihnen kommen Bauchtänzerinnen-Kostüme zum Vorschein. Die Kulisse wird zum Harem.

Vorher trägt der entmannte Klingsor ein Kruzifix durch die Gegend, das in einem hölzernen Phallus endet. Das patriarchische Christentum als Ersatz für die verlorene Männlichkeit - ein netter Gedanke, wenn auch etwas plump vorgetragen.

Tropischer Wasserfall


Im dritten Akt dann ist die Kirche - nur noch eine Ruine. Dahinter kommt das Paradies zum Vorschein, in dem nackte Evas unter einem tropischen Wasserfall duschen. Wenn nur die Überreste dieser Kirche nicht wären - man hätte einen ungetrübten Blick auf dieses Paradies.

Ganz zum Schluss, in der berühmten Erlösungsszene, beerdigen Muslime, Juden und Christen die Symbole ihrer Religionen. Über all dem thront von Aufzug eins an eine Gestalt. Regungs- und tatenlos wendet sie dem Publikum - wie unbeteiligt - den Rücken zu. Dem Programmheft ist ein Zitat des Dalai Lama vorangestellt: "Ich denke an manchen Tagen, dass es besser wäre, wenn wir gar keine Religionen mehr hätten."
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