Personalie birgt Sprengkraft: Abdullah Kenan Karaca im Leitungsteam in Oberammergau
Passionsspiele: Muslim im Leitungsteam

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Bayern
12.06.2015
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Mit einer spektakulären Personalentscheidung startet Oberammergau in die Vorbereitungen für die Passionsspiele 2020. Ein Regisseur muslimischen Glaubens soll die Inszenierung als zweiter Spielleiter neben Christian Stückl mitverantworten. Abdullah Kenan Karaca wird dem Gemeinderat des Passionsspieldorfes zur Wahl vorgeschlagen, wie das Theater am Donnerstag mitteilte.

Das Gremium wird am Montag über das Leitungsteam für die weltberühmten Passionsspiele abstimmen. Am Samstag hatte bereits das "Garmisch-Partenkirchner Tagblatt" darüber berichtet. In der Vergangenheit hatten immer wieder jüdische Verbände vor allem aus den USA Kritik am Spiel vom Leiden, Sterben und der Auferstehung Jesu Christi geübt. Seit einer Überarbeitung der Texte im Jahr 2000 ist die Kritik allerdings weitgehend verstummt. Der an die Juden gerichtete Satz "Sein Blut komme über uns und unsere Kinder" kommt nicht mehr vor. Die Worte waren so gedeutet worden, als wäre das jüdische Volk schuld am Tod Jesu, und deshalb auf Protest gestoßen.

Nun soll ein Muslim Mitverantwortung für das Passionsspiel tragen. In der Heimatzeitung deutete Stückl an, dass die Wahl Karacas zu seinem Stellvertreter auf Kritik stoßen dürfte. Der 1989 geborene Karaca wuchs als Sohn türkischer Eltern in Oberammergau auf. 2009 wurde er Regieassistent am Münchner Volkstheater und arbeitete in weiteren Produktionen mit Stückl zusammen, etwa bei den Salzburger Festspielen in "Jedermann". In Oberammergau stand er als Kind auf der Bühne. 2011 assistierte er Stückl dort bei der Produktion "Joseph und seine Brüder" nach dem Roman von Thomas Mann.

Bei seiner öffentlichen Sitzung will der Gemeinderat das komplette Führungsteam für die Passionsspiele in fünf Jahren wählen. Spielleiter soll zum vierten Mal nach 1990 Christian Stückl werden. Der Intendant des Münchner Volkstheaters war 1990 der jüngste Spielleiter in der Geschichte der Oberammergauer Passion.

Die Passionsspiele gehen auf ein Gelübde aus dem Jahr 1633 zurück, mit dem die damals grassierende Pest abgewendet werden sollte. Seit dem Jahr darauf wird das Spiel regelmäßig aufgeführt. 2020 findet die 42. Auflage statt. Premiere ist im Mai. Es werden rund eine halbe Million Zuschauer aus aller Welt erwartet. Alle Schauspieler sind Laien. Auf oder hinter der Bühne wirken rund 2500 Einheimische mit - jeder zweite Gemeindebürger ist in irgendeiner Form damit befasst.
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