Poetry Slam: Amberg sucht den Master of the Uni-Vers
"Das Publikum ist ein Ungeheuer"

Thomas Spitzer ist gewohnt, im Rampenlicht zu sitzen. Bild: hns
Kultur BY
Bayern
01.11.2014
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„2009 sagten die Leute schon, Poetry Slam wäre auf dem absteigenden Ast, aber es geht nur bergauf“, erzählt Thomas Spitzer aus Regensburg. Mit seiner Einschätzung scheint er Recht zu haben. Poetry Slams sind in Deutschland im Aufwärtstrend. Veranstalter nutzen sie gerne, um die Kulturszene in den Städten zu beleben und ein Programm für die jüngere Generation zu bieten.

Fans teilen die Mitschnitte im Internet, rezitieren Texte in ihren Facebook-Chroniken. Buchhandlungen vertreiben Gedichtsammlungen. Dennoch ist diese Bewegung noch nicht überall angekommen. Die Ostbayerische Technische Hochschule (OTH) in Amberg versucht, sie in Zusammenarbeit mit dem Kulturreferat der Stadt Amberg stärker zu verankern. Am 19. November gibt es den ersten Poetry Slam „Master of the Uni-Vers“ im Wintergarten der Hochschule.

Karten schnell ausverkauft


Die Idee kam von Wolfgang Dersch, Kulturreferent der Stadt Amberg. Er sprach den Regensburger Organisator Thomas Spitzer an. Dieser startete 2013 zusammen mit Ko Bylanzky, Veranstalter der Slams in der Alten Mälzerei in Regensburg, den „Master of the Uni-Vers“. Dabei hatte er kein geringeres Ziel, als die Oberpfalz zur Poetry-Slam-Hochburg wachsen zu lassen. Und die Entwicklung dahin gehe rasant, laut Spitzer. Der Andrang auf den ersten Master of the Uni-Vers in der Uni Regensburg überwältigte die Veranstalter. Heuer waren die Karten gar nach 48 Stunden ausverkauft. Damit zieht ein großes Format auch in Amberg ein.

Spitzer ist selbst ein sogenannter „Slammer“. Er brach mit 24 Jahren das Mathematikstudium ab, um sein Hobby zum Beruf zu machen: „Ich hab mich gefragt, ohne was ich leben kann. Und das war das Studium.“ Eine ähnliche Antwort geben viele Slammer, wenn man sie nach ihrer Motivation fragt. Julian Heun sagt, er hätte es gesehen, toll gefunden und wollte es auch machen. Inzwischen ist es zu seiner Leidenschaft geworden: „Es ist das Beste, was es gibt. Ich will immer Texte schreiben, ich will immer Auftreten.“

Poetry Slammer berichten über Ängste und verpasste Abenteuer


„Slammer kann jeder werden“, erklärt Spitzer. „Wenn du es lange genug versuchst und dabei bleibst. Du musst dir überlegen, was du sagen willst.“ Worüber die meisten etwas sagen wollen, ist die Sinnsuche, meint Spitzer. „Wie soll ich mich entscheiden in einer Welt mit so vielen Möglichkeiten?“ Die Teilnehmer, meist zwischen 16 und 30 Jahren alt, schreiben über Ängste, über Abenteuerlust und auch verpasste Abenteuer, erzählt der Mittzwanziger.

Bestes Beispiel ist Julia Engelmann. Die Psychologiestudentin trat auf dem 5. Hörsaal-Slam in Bielefeld auf und traf mit ihrem Text in die Herzen und Seelen einer Generation. Ihr "One Day-Reckoning Text" der sich auf einen Remix von Wankelmut bezieht, spricht von ungenutztem Leben und traurigen Konjunktiven: „Eines Tages, Baby, werden wir alt sein und an all die Geschichten denken, die wir hätten erzählen können.“ Bereits in der ersten Woche klickten über eine Millionen Youtube-Nutzer auf den Mitschnitt.

Die Größen der Szene auf der Bühne in AmbergJulian Heun, der zweifache deutschsprachige Poetry-Slam-Meister, dreifacher deutschsprachiger Vizemeister, zweifacher Berliner Stadtmeister, zweifacher Gewinner des renommierten Kabarettpreises „Stuttgarter Besen“ und Viertplatzierter bei der Poetry-Slam-Weltmeisterschaft.

Theresa Hahl, die Finalistin bei den deutschsprachigen Poetry-Slam-Meisterschaften, Hessenmeisterin und Gewinnerin mehrerer Lyrikpreise.

Sulaiman Masomi: Poetry-Slam-NRW-Champion und Finalist deutschsprachiger Meisterschaften.

Zusätzlich finden sich auch regionale Slammer, die ihr Können unter Beweis stellen: Die bayerische Vizemeisterin aus Regensburg Karla Schnikov, der Landsberger Jack Lucas, Eny 42 aus Amberg, Daniela Plößner aus Regensburg und Pascal Simon.

Lust, Leid und Sozialkritik - Themenvielfalt auf der Bühne


Das Repertoire an Themen bietet aber noch mehr. Manche sprechen über Herzschmerz wie Theresa Hahl in "Mein Herz" „Mein Herz ist eine kleine Hure und bringt mich in Verlegenheit bei jeder sich ergebenden Gelegenheit. Denn es ist in pulsprächtiger Polygamie schon ganz schön rumgekommen und wurde in Sachen Anatomie recht herzhaft durchgenommen, hat sich dabei vielmehr verloren als dazugewonnen.“

Masomi ist bekannt für seine lustigen Erzählungen, die er mit der Hilfe des Goethe-Instituts in der halben Welt vortragen durfte. Der Deutschafghane bezieht sich in seinen Texten gern auf seinen Migrationshintergrund, wie in "Auf der anderen Seite" „Dieser Vorfall ereignete sich zu einer Zeit in meinem Leben, in der ich wirklich versucht hab ein Deutscher zu sein. [...] Ich hätt gern mal gewusst, wie das ist. Einfach mal nicht den Zug verpassen.“


Reime sind kein Muss


Die Gedichte müssen sich dabei nicht reimen, sondern können im sogenannten „Story Telling“ (Geschichten erzählen) vorgetragen werden. Entscheidend beim Vortragen ist oft die Darbietung, die der Sprecher liefert, wie Stefan Dörsing, zweifacher deutschsprachiger Vizemeister in seinem Text "Freak". Zuckend, stotternd, stimmenimitierend steht er auf der Bühne und unterstreicht die Aussage in seinem Text durch die Darstellung verschiedener Persönlichkeiten.

Poetry Slams sind auch eine gern genutzte Plattform zum Aufgreifen von gesellschaftspolitischen Problemen, wie in "Rape Poem" [Vergewaltigungsgedicht] vom Slam-Team der Rutgers Universität in New Jersey (auf Englisch) „And you ask: Why another rape poem? Didn‘t I hear just like three of these? Unsurprisingly in a country where someone is sexually assaulted every two minutes. We wouldn‘t need so many damn rape poems if America had listened the first time.“ (Und du fragst: Warum noch ein Vergewaltigungsgedicht? Hab ich nicht erst drei von denen gehört? Wenig überraschend in einem Land, in dem alle zwei Minuten jemand sexuell angegriffen wird. Wir bräuchten nicht so viele verdammte Vergewaltigungsgedichte, wenn Amerika beim ersten Mal zugehört hätte.)

Es muss nicht immer ernst sein


Nicht immer sind die Themen so ernst. Ein Beispiel ist der Finalbeitrag von Lars Ruppel auf der deutschsprachigen Meisterschaft 2013 in Bielefeld. Er erzählt darin das Märchen von "Holger, der Waldfee" die mürrisch in ihren Alltag hineinlebt - bis das Forstamt den Wald abholzen möchte. „Welch Wohlklang, welch Balsam, oh Waldlebenslied, der Tag hat am Morgen den ersten Zenit. Kommt alle zum Reigen. Heut wollen wir tanzen, zum Lobe des Kleinen im Großen und Ganzen. Zum Ärger des einen. Der, der nicht gerne tanzt. Der, dessen Wohnung bepilzt und verranzt. Der öffnet die verdreckten Fenster, holt die Luft und dann kawempst er: Halt die Fresse, du! Und droht, der ganzen Welt mit Hausverbot.“


"Darm mit Charme" wird zum Erfolg


Neben dem Poetry-Slam haben sich weitere Formen entwickelt. Ein Beitrag dazu ist "Darm mit Charme" Ein Titel, der ein Lächeln entlockt oder die Augenbrauen hochziehen lässt. In jedem Fall ist er auffällig. Er gehört in den Science Slam (Wissenschafts-Slam). Durch diesen Beitrag errang Giulia Enders Bekanntheit und veröffentlichte inzwischen ein Buch. Sie nahm 2012 am Science Slam in Berlin teil. Dies ist eine Variante, bei der jeder Sprecher Zeit erhält, in der er ein wissenschaftliches Thema in eigenen Worten interessant aufbereiten darf. Die Medizinstudentin Enders entschied sich für das Darmrohr und landete durch ihre witzige Vortragsart einen Erfolg. „Der hat ein so eigenständiges Nervensystem. Wenn ich ein Stück Darm raus schneide, hinhalte und mal drauftippe, dann grummelt er mir freundlich entgegen.“

Eine weitere Art ist der "Hate Slam" (Hass-Slam). Dabei stehen unter anderem Journalisten auf der Bühne, die Briefe von aufgebrachten Lesern vortragen. „P.S. Für Sie nochmal auf Deutsch: Sie sind nicht der Stellvertreter Gottes auf Erden, aber okay, Sie sind auch nicht der Satan. Aber auf jeden Fall näher dran.“ Auch hier wird am Ende ein Gewinner ermittelt, der den goldenen „Arsch mit Ohren“ verliehen bekommt.

Respektiere den Poeten - Regeln für den Slam


Wer annimmt, diese Veranstaltungsform sei aus den USA nach Deutschland geschwappt, der liegt richtig. Poetry Slam stammt aus Chicago. Er fand seine Anfänge 1986. Ab den 1990er Jahren verbreitete er sich weltweit - auch im deutschsprachigen Raum, dessen Szene als zweitgrößte der Welt gilt. Was ein Poetry Slam ist, steckt bereits im Namen. „Poetry“ bedeutet Dichtung. „Slam“ bezieht sich eigentlich auf Schlagen, aber wird in diesem Zusammenhang für einen Wettstreit verwendet. Slammer treten mit ihren Texten gegeneinander an. Das Publikum entscheidet durch Applaus über den Gewinner. Es können einzelne Künstler oder Teams antreten. Für beide Disziplinen gibt es eigene Wettbewerbe.

An drei Regeln müssen sich die Sprecher halten. Zum einen müssen die Texte selbstgeschrieben sein. Dann muss das Zeitlimit eingehalten werden, das sind meistens fünf bis sechs Minuten. Es dürfen keine Requisiten benutzt werden. Der Slammer steht alleine auf der Bühne, ohne Hilfsmittel außer dem Text auf Papier. Eine ungeschriebene Regel nennt Spitzer noch: „Respect the Poet.“ (Respektiere den Poeten) Zuschauer dürfen den Slammer nicht ausbuhen oder auf andere Art angreifen. Jeder darf seinen eigenen Stil auf die Bühne bringen.

Tickets auch an der Abendkasse


Der Erfolg dieser Slams liegt in der Interaktion zwischen Publikum und Auftretendem. Spitzer hat dafür einen Vergleich: „Das Publikum ist ein Ungeheuer mit dem man spricht.“ Am 19. November in Amberg stellt er sich dem Ungeheuer nicht als Sprecher, sondern als Moderator zusammen mit Ko Bylanzky. Um 20 Uhr beginnt der Slam. Tickets im Vorverkauf für fünf Euro gibt es in der Bibliothek der OTH Amberg-Weiden in Amberg und in der Tourist-Information der Stadt Amberg. An der Abendkasse kosten die Karten sieben Euro.