Premiere von "Cats" bei den Luisenburg-Festspielen
Großartiger Katzenjammer

Katzen-Magier Mr. Mistoffelees (Fabio Boccalatte, Mitte) haut mit seinen schnurrigen Freunden auf den Putz. Bilder: Florian Miedl
Kultur BY
Bayern
01.07.2016
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Geschnitten von der Katzen-Gemeinschaft hängt Grizabella (Kerstin Ibald) ihren schönen Erinnerungen an bessere Zeiten nach.

Die Katze wars. Ein sicherer Tipp, wenn die Ming-Vase zu Boden fällt oder irgendetwas anderes chaotisches passiert. Doch was Katzenbesitzer immer schon ahnten - hinter den liebenswerten Rabauken und Kuscheltigern steckt noch viel mehr. Das Musical "Cats" deckt auf der Luisenburg nun die ganze Geschichte auf.

Wunsiedel. Dabei ist Handlung des Kultstoffs von Andrew Lloyd Webber minimal und bietet nicht die genretypischen, teils extremen Wendungen. Das Jahrestreffen des Katzenvolks, der Jellicle Ball, nimmt sich wie eine einzige kunterbunte, skurrile Castingshow aus. Am Ende soll eine Katze ausgewählt werden, die erlöst und in einem neuen Leben wiedergeboren wird.

Stimmungsvoller Steinbruch


Naturgemäß tauscht die Inszenierung auf der Luisenburg, die nun Premiere feierte, die ursprüngliche Szenerie einer Londoner Müllkippe gegen die der dominierenden Felsenbühne. Unabhängig von den treffenden Kulissen erzeugt der "Steinbruch" eine reizvolle Wechselwirkung mit dem etwas anderen Musical-Thema. Das Mondlicht, das die Geschichte beleuchtet, und die Katzen umtreibt, erscheint im Vergleich zu anderen "Cats"-Fassungen dadurch besonders mystisch.

Die verschiedenen Ebenen erlauben der szenischen Bearbeitung ein wirkungsvolles Gesamtbild mit einer bis zu 30-köpfigen Katzenmeute auf der Bühne. Besonders verstärken sie die Schlüsselszene des Stücks, wenn die alternde, ausgelaugte Katzen-Diva Grizabella - einst ein Star, jetzt am Ende und von ihren Artgenossen ausgegrenzt - ihrer glorreichen Vergangenheit nachhängt.


Ausgebrannte Wirklichkeit, von kaltem Rauch umgeben. Doch schon ist wieder eine Nacht vorüber, der Schleier wird sich heben!Grizabella in "Erinnerung"


Mehr als alle anderen Musicals steht und fällt "Cats" mit nur einer Szene, auf die der Plot zugespitzt ist: dem mehrteiligen, weltberühmten Song "Erinnerung" ("Memories"). Kerstin Ibald macht diese Momente im Mondlicht am Donnerstag denkwürdig. Mit ihrer großartigen Interpretation zwischen Nostalgie, Schmerz und Resignation lässt die Stimme der Sängerin das Luisenburg-Publikum den Atem anhalten. Ihre "Grizabella-Arie" - teilweise im stimmigen Gesangsduett mit quasi ihrem jüngeren Ich Sillabub (Marides Lazo) - bewegt tief. Hier gelingt es Regisseur Hardy Rudolz - selbst als tatterige, alte Theaterkatze Gus auf der Bühne - und dem musikalischen Leiter Jörg Gerlach, mit einem Tempowechsel den mehrteiligen Gesangspart perfekt aus einer wirbelnden Show-Revue herauszuarbeiten.

Schwungvoller Cat-Content


Nach etwas hektischem Beginn, der der Inszenierung aber keineswegs schadet, schwingt das Ensemble in den geschmeidigen, felinen Rhythmus ihrer vierbeinigen Charaktere ein. Mit viel Witz und Kreativität präsentieren sich die so unterschiedlichen Fellgesichter.

Die Fabel-artige Anmutung der Charakterzüge basierend auf der Katzen-Gedichtsammlung "Old Possum's Book of Practical Cats" von T.S. Eliot manifestiert sich in durchweg schillernden Figuren - vom würdigen Katzenoberhaupt Deuteronomy (Martin Sommerlatte) über Halbstarke wie Munkustrap (Maximilian Widmann) bis hin zu den putzigen Kätzchen, die von Kinder-Statisten gespielt werden.

Umrahmt von liebevoll choreografierten Tanzpassagen beeindruckt die Detailtreue und Glaubwürdigkeit der vielen gleichwertigen Charaktere. Der verfressene Bustopher (Rudolz), die provozierende Bombalurina (umwerfend: Carien Keizer), die Schwerenöter Mungojerrie und Rumpleteazer (mit einer schönen Rock'n'Roll-Einlage: Dennis Hupka und Sabrina Reischl) oder der böse Macavity (Marcell Prét mit einem Brachialauftritt) spiegeln alle Facetten der Stubentiger wider.

Während die Katzen elegant den Mond anmiauen, bekommt das begeisterte Premierenpublikum an diesem Abend einen vollauf gelungenen, musikalischen Führer ins Innenleben ihrer Lieblings-Haustiere - auch wenn um sie wohl immer ein gewisses Mysterium bleiben wird.
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