Regisseur Peter Konwitschny inszeniert "Boris Godunwo" in Nürnberg
Zar mit Sonnenbrille und Hawaiihemd

Tanz ums goldene Kalb: Auch in Mussorgskijs "Boris Godunow" dreht sich alles um Macht, Korruption und Verstrickung in Schuld. Bild: Ludwig Olah
Kultur BY
Bayern
12.10.2016
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Haben Mächtige ein Gewissen? Wer aktuelle Geschehnisse verfolgt, wird dies mitunter verneinen. Auch Modest Mussorgski beschäftigt sich in seiner Oper "Boris Godunow" mit der Frage. Regisseur Peter Konwitschny gibt in seiner Nürnberger Inszenierung dazu zwei Denkanstöße.

Nürnberg. Einerseits gestaltet er das politische Geschehen als absurdes Kasperltheater und lässt buchstäblich die Hand-Puppen tanzen. Andererseits ändert er den Schluss der Urfassung von 1868/69 so, dass Machthaber durchaus aus festgefahrenen Strukturen ausbrechen können.

"Wir müssen die Art der Politik verändern, damit Menschen Menschen bleiben", betont Konwitschny in einem BR-Interview. Da dies eine zeitlose Wahrheit ist, verzichtet der 71-jährige Regisseur auf Kostüme oder Bühnenausstattung, die in die Situation Russlands um 1550 führen und damit die Besucher vom Thema wegführen würden.

Tiefe Symbolik


Auch die brillanten Bühnenbilder von Okarina Peter und Timo Dentler sind keinem bestimmten Ort zuzuordnen, aber von tiefer Symbolik. Das Kinderzimmer am Hof des Zaren als goldener Tresor, der kräftig funkelt, aber sonst ohne Wirkung bleibt. Die Schnäppchenjäger mit papierenen Tüten, die sie gedankenlos vor einer riesigen Einkaufswagen-Hüpfburg schwenken. Klasse, wie am Ende dem aufgeblasenen Konsumtempel die Luft ausgeht. Für klangliche Stürme sorgen dagegen die von Marcus Bosch präzise geführte Staatsphilharmonie Nürnberg und die auch schauspielerisch gekonnt agierenden Chorsänger und -sängerinnen. Glanzpunkte setzen David Yim als facettenreich glänzender Fürst Schuiski, Ida Aldrian als fein ziselierter Fjodor, Nicolai Karnolsky als gefühlswallender Boris Godunow und Tilmann Unger als stimmgewichtiger Grigori. Gemeinsam mit den Chören bilden sie eine mächtig tönende Klangfestung.

"Gewissensstudie"


Ja, das Volk hat bei Mussorgski und Konwitschny letztlich die Macht - es ist die einzig wahre und moralisch geprägte Seele. Dem Zar bleibt da nur der Abgang: Statt ins Grab tritt er - mit Sonnenbrille und Hawaiihemd ausgerüstet- in Richtung Publikum ab. Von dem wird die gut zwei Stunden währende "Gewissensstudie" mit langem Applaus belohnt.

Wir müssen die Art der Politik verändern, damit Menschen Menschen bleiben.Regisseur Peter Konwitschny
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