Revolution des Bewusstseins

Konstantin Wecker, Komponist und Lyriker, gastiert mit seinem neuen Programm "Ohne Warum" im Amberger Congress Centrum. Die Besucher dürfen gespannt sein, denn der Münchner Liedermacher nimmt sie mit auf eine zarte und aufwühlende Suche nach dem Wunderbaren. Bild: Bayerischer Rundfunk/ Ralf Wilschewski
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Bayern
25.11.2015
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Der Liedermacher will Mut machen - für eine neue Revolution des Bewusstseins. Wenn es so etwas gibt, wie die Stimme der Gutmenschen, dann ist es im allerbesten Sinne Konstantin Wecker. Am 30. November kommt der Künstler nach Amberg.

Seit 1968 mischt sich der Polit-Poet ein, entwirft mit Liedern wie "Der Willy", "Sage Nein" oder "Revolution" eine linke Gegenkultur, komponiert Filmmusik und schreibt Bücher. Die Kulturredaktion sprach mit dem Komponisten, Liedermacher und Lyriker Konstantin Wecker.

Der Pianist Davide Martello spielt überall dort, wo die Gewalt sich Bahn gebrochen hat, auch vor dem Bataclan in Paris. Er sagt, er habe dort "Imagine" von John Lennon gespielt, um Mut und Trost zu spenden. Kann Musik das überhaupt?

Konstantin Wecker: Unbedingt. Das ist das einzige, was Musik kann. Ich mache keine Politik. Aber ich bin ein politisch denkender Mensch und tue das auch kund. Aber was die Musik vermag, ist Mut zu machen, Trost zu spenden und jemand das Gefühl zu geben, er ist mit seiner Meinung nicht ganz allein. Das merke ich auch in meinen Konzerten. Da sind ja zu 99 Prozent Menschen, die einer Willkommenskultur zugeneigt sind. Wenn ich am Ende "Ich habe einen Traum" singe, merke ich es ganz deutlich, dass viele es schön finden, mit Gleichgesinnten zusammen zu sein. So ging es mir auch als junger Mann. Deswegen habe ich mich da auch an die Dichter gewandt. Das waren meine Freunde, die mich trösten konnten, weil sie ähnlich gedacht haben wie ich. Vor allem Dostojevski und Henry Miller - Miller hat ja gesagt: "Der Künstler muss Anarchist sein."

Um noch einmal auf das Attentat in Paris zurückzukommen, hilft Ihnen auch da die Lyrik bei der Verarbeitung? Oder verfallen Sie in eine gewisse Schockstarre?

Wecker: Dadurch, dass ich mich schon sehr lange mit der Kriegspolitik beschäftige, seit wenigstens einem Jahr auch ganz intensiv mit der Flüchtlingsfrage, ist der Schock nicht so groß gewesen. Weil ich mich ja schon lange mit den Menschen da solidarisiert habe, auch innerlich - also emotional. Schon seit dem Irakkrieg sind da Hunderttausende Anschlägen und Bomben zum Opfer gefallen. Es ist erschütternd, gar keine Frage, es ist immer schlimm, wenn Menschen sterben. Aber ich habe noch nie geglaubt, dass die Europäer die besondereren Menschen sind.

Es ist also nicht so, dass Sie so eine Tragödie dazu bringt, sie mit einem neuen Song zu verarbeiten?

Wecker: Nein. Es ist ja so: Ich schreibe fast alle Lieder und Gedichte, ohne mir vorher auszudenken, was ich schreibe. Mehr oder weniger passieren sie mir. Interessant ist, dass bei mir ganz oft Lieder zu einem Zeitpunkt entstanden sind, als deren Thematik noch gar nicht akut war - wie zum Beispiel "Ich habe einen Traum", das sich ja ganz konkret mit der Flüchtlingsthematik beschäftigt. Es ist mir schon ganz oft passiert, dass man Strömungen poetisch aufnimmt, die vielleicht schon in der Luft liegen, die man aber rational noch gar nicht erfassen konnte.

Das ist dann aber schon eine echte Gabe...

Wecker: Das ist ein ziemliches Geschenk, durch die Poesie fast feinstofflich zu erfahren, was man mit der Ratio noch nicht so kann. Das ist ja das, was mich an der Poesie immer so begeistert hat, und auch an den Poeten. In der 68er Zeit habe ich mich zu Rilke hingezogen gefühlt. Das war überhaupt nicht "in". Da hatte man Marxist zu sein, Brecht ging gerade so. Aber ich stand sehr dazu. Das waren immer meine zwei Seiten, vielleicht liegt es auch daran, dass ich Musiker bin. Rilke hat in mir immer diese Sehnsucht nach dem Innersten ausgelöst - und zu einem großen Teil befriedigt.

Bei dem Stück "Revolution" hat man das Gefühl, dass es eben nicht der reine Ausdruck Ihres Innersten ist. Die Melodie ist fast poppig, catchy und der Text scheint in seiner Botschaft eine gewisse Programmatik zu verfolgen.

Wecker: Da haben Sie Recht. Das gab es immer wieder. Das Lied "Sage Nein" habe ich aus pädagogischen Gründen geschrieben, vor über 20 Jahren, als die ersten Neonazis auftauchten. Bei Revolution ist das ähnlich. Aber da ist mir das Ende sehr wichtig. Wir brauchen eine Revolution, und dazu stehe ich auch, aber ohne Führer, ohne Zwang und ohne Ideologie. Ich meine eine Revolution des Bewusstseins. Nicht mehr die französische. Die haben wir hinter uns. Die war wichtig, aber auf diese Weise geht es nicht mehr.

Wie kann so eine Revolution des Bewusstseins aussehen?

Wecker: Die sieht aus, wie wir es gerade sehen. Wir waren doch alle recht überrascht von dieser Willkommenskultur. Man hätte ja meinen können, ganz Deutschland ist drauf wie Pegida, aber nein: Ganz viele Menschen waren anders drauf, auch ganz viele junge Menschen. Gar nicht mal unbedingt aus politischen Gründen. Die haben ihr Mitgefühl entdeckt. Ich sehe es bei meiner Frau. Die ist mit meinem Sohn auf Lesbos, um zu helfen. Das sind ganz viele Menschen, die nicht von einer NGO aus, sondern aus Eigeninitiative mithelfen. Da ist etwas neues passiert. Jetzt besteht natürlich die Gefahr, dass Populisten diese Anschläge für sich ausnützen. Und es tun ja auch schon einige, wie der Söder zum Beispiel.

Sie wirken bei Ihren Live-Auftritten unheimlich vital, kraftvoll, optimistisch. Gibt es auch mal den Wecker, der lamentiert, der sagt: Verdammt noch mal, das nervt mich alles? Oder gehen Sie immer sehr konstruktiv mit den Dingen um?

Wecker: Naja, ich habe eine große Chance, die haben andere nicht. Ich erlebe auf Tour jeden Tag, wie 1000 Menschen, manchmal auch mehr, ähnlich ticken wie ich - wie in einer Wolke, in einem anderen Universum. Denen möchte ich Mut machen. Und die machen mir Mut. Wenn ich ganz allein in meinem Kämmerlein sitzen würde, als Romancier meinetwegen, dann wäre es wahrscheinlich ein bisschen schwieriger. Dann könnte es sein, dass man zynisch wird.

Also niemals so eine sakrische Wut? So wie der Willy sie hätte?

Wecker: Ich habe schon manchmal eine sakrische Wut. Nur, ich habe mich dazu entschieden, diesen Hass nicht anzunehmen. Das würde mich selber fertig machen. Ich habe irgendwie auch kein Talent zum Hassen, Gott sei dank. Das schöne an einem Wutausbruch ist, dass er vorbei geht. Hass gärt in einem. Hass ist, wie wenn man Gift zu sich nimmt, um den anderen zu töten.

Ist das auch ein Ziel von Ihnen, dass die Menschen aus einem Weckerkonzert rausgehen und etwas mitnehmen von der Liebe und der Sanftmut, für die Sie stehen?

Wecker: Das muss schon jeder selbst entscheiden, aber ich möchte, dass jeder ermutigt rausgeht. Anderen Künstlern macht es nichts aus, wenn das Publikum depressiv das Konzert verlässt. Ich baue meine Auftritte immer so auf, dass die Abende lebensfreudig enden. Und die Menschen sollen sich in meiner Kunst selbst entdecken. So wie ich in einem Roman von Dostojevski mich entdecken will und nicht den Herrn Dostojevski.

Wir haben viel über Dichter gesprochen, die Sie inspiriert haben. Welche Musiker inspirieren Sie?

Wecker: Ich komme ja eindeutig aus der Klassik. Mein Papa war Opernsänger. Und bis zu meinem 16. Lebensjahr wollte ich auch Dirigent und Opernkomponist werden. Ich habe überhaupt nichts anderes ernst- und wahrgenommen. Mich haben anfangs die Beatles überhaupt nicht interessiert. Beethoven, Puccini, Verdi - das war meine Welt. Aber dann lief mir Janis Joplin über den Weg und ich dachte mir: Holla, da gibt's ja noch was anderes. Gospel und Soul haben mich beeindruckt und beeinflusst. Auch die dreckige Art der Rolling Stones hat mich fasziniert. Weniger musikalisch, sondern vom Lebensstil her. Aber vom Herzen her bin ich, glaube ich, mehr von Schubert beeinflusst als von der Pop- und Rockmusik.

Worauf dürfen sich die Zuhörer freuen, wenn Sie nach Amberg kommen? Geht es mehr um "Ohne Warum" oder haben auch die Klassiker ihren Platz?

Wecker: Ich stelle natürlich meine neue CD vor. Aber es kommen immer wieder auch Songs, die man kennt. Ich habe ein Riesenglück mit meinem Publikum. Es war immer wieder bereit, sich mit mir auf etwas Neues einzulassen. Und was bei diesem Programm unheimlich ankommt, das ist meine junge Labelkünstlerin Cynthia Nickschas, die auch bei "Revolution" mitsingt. Eine tolle junge Künstlerin.
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